Der Strand, der Wale verschlingt: Warum ganze Schulen immer wieder zum Sterben an Land gehen
Die Freiwilligen erreichten Farewell Spit im ersten Licht eines Februarmorgens im Jahr 2017, und was sie auf dem langen, blassen Sandhaken an der Nordspitze der neuseelaendischen Suedinsel fanden, sah nicht nach einem Unfall aus. Es sah nach einer Entscheidung aus. Entlang der Flutlinie lagen mehr als vierhundert Langflossen-Grindwale, schwarz und glaenzend, die meisten bereits tot, und die Ueberlebenden keuchten und riefen im flachen Wasser neben den Koerpern ihrer Familien. Etwa vierhundertsechzehn Tiere waren in der Nacht an Land gekommen. Rund sieben von zehn waren tot, bevor jemand sie erreichen konnte. Etwa fuenfhundert Freiwillige wateten in die Kaelte, bildeten Menschenketten, um die Lebenden nass und aufrecht zu halten, und bei Flut ueberredeten sie hundert oder mehr, zurueck ins Meer zu ziehen. Die Wale drehten um und schwammen geradewegs zurueck auf den Sand.
Dieses eine Bild, mit grosser Muehe zurueckgebrachte Tiere, die sich wissentlich erneut stranden, ist der Kern eines der hartnaeckigsten Raetsel der Natur. Es ist nicht der Tod eines kranken Einzeltiers oder eines vom Sturm angeschwemmten Nachzueglers. Es ist die Massenstrandung: eine ganze, geschlossene Gemeinschaft grosser, kluger, gesunder Tiere treibt sich gemeinsam an Land, am selben Ort, manchmal an denselben Daten, und stirbt massenhaft aus Gruenden, die eine hundertjaehrige Wissenschaft umkreist hat, ohne sie je festzunageln. Farewell Spit ist einer der beruechtigtsten Orte dafuer. Und das Grauen in der Golden Bay 2017 war nicht einmal vorbei. Stunden nachdem die erste Masse an Land gekommen war, strandete eine zweite Schule von etwa zweihundert Walen nahe derselben Stelle und trieb die Gesamtzahl gegen sechshundertfuenfzig, womit es eine der groessten Strandungen in der aufgezeichneten Geschichte Neuseelands wurde.
Registrieren Sie sich und erhalten Sie den ersten Monat völlig gratis — unbegrenzter Zugang zum gesamten Archiv, werbefrei für Abonnenten. Jederzeit kündbar.
Abonnieren — erster Monat gratis