Der Junge, der heimkam: Wie ein DNA-Test den Fall Bobby Dunbar umstiess
Am Morgen des 23. August 1912 fuhren Percy und Lessie Dunbar aus Opelousas in Louisiana mit Freunden zum Angeln an den Swayze Lake. Der See war ein flacher Zypressensumpf im St. Landry Parish, schwarzes Wasser und Alligatoren, etwa dreissig Kilometer von zu Hause entfernt. Ihre beiden kleinen Söhne waren dabei. Der ältere, Robert Clarence Dunbar, den alle Bobby nannten, war vier Jahre alt und am 23. Mai 1908 geboren. Die Dunbars waren eine wohlhabende, gut vernetzte Familie in einer Stadt, in der ihr Name Gewicht hatte.
Irgendwann an diesem Tag entfernte sich Bobby von den Erwachsenen und kam nicht zurück. Der Alarm ging binnen Minuten los. Männer wateten in den Sumpf, suchten das flache Wasser ab und gingen bis zur Dunkelheit den Baumrand entlang. Gefunden wurde nichts: keine Leiche, kein Kleidungsstück, keine klare Spur. Die beiden naheliegenden Erklärungen waren gleich furchtbar. Entweder war das Kind in einem Wasser ertrunken, das einen Menschen vollständig verbergen kann, oder jemand hatte es entlang der Bahnlinie fortgetragen, die nahe am See verlief. Die Dunbars weigerten sich, das Erste zu glauben, und die Suche wurde ausgeweitet.
Was folgte, war eine der grössten Fahndungen, die der Süden erlebt hatte. Percy Dunbar setzte tausend Dollar Belohnung aus und erhöhte sie später auf sechstausend, eine gewaltige Summe im Jahr 1912. Handzettel mit Bobbys Beschreibung gingen durchs ganze Land, Zeitungen in New Orleans, Chicago und New York berichteten, und angebliche Sichtungen kamen aus einem Dutzend Bundesstaaten. Jeder Landstreicher und jeder Wanderarbeiter mit einem kleinen Jungen wurde verdächtig. Acht Monate lang führte keine Spur irgendwohin.
Am 13. April 1913 brach der Fall auf. Behörden bei Columbia in Mississippi hielten einen umherziehenden Handwerker namens William Cantwell Walters an, der über Land fuhr und Klaviere und Orgeln stimmte und reparierte. Bei ihm war ein kleiner Junge, auf den die Beschreibung der Handzettel passte. Walters wurde festgesetzt, und nach Opelousas ging die Nachricht, Bobby Dunbar sei gefunden.
Walters hatte eine Erklärung, und er änderte sie nie. Der Junge, sagte er, sei Charles Bruce Anderson, kurz Bruce, der Sohn einer jungen Frau namens Julia Anderson, die für die Familie Walters in North Carolina gearbeitet hatte. Bruces Vater sei sein eigener Bruder gewesen. Julia Anderson, unverheiratet und arm, habe ihm erlaubt, den Jungen auf seine Fahrten mitzunehmen. Er beharrte darauf, seit Monaten offen mit Bruce unterwegs zu sein und dass Leute in Mississippi die beiden lange vor dem Verschwinden des Dunbar-Jungen zusammen gesehen hätten.
Die Identifizierung in Mississippi verlief nicht glatt. Die Zeitungsberichte über die Begegnung zwischen Lessie Dunbar und dem Kind widersprachen einander. Manche schilderten ein sofortiges, ergriffenes Wiedererkennen. Andere berichteten, der Junge habe kein Zeichen gegeben, sie zu kennen, und Lessie selbst sei unsicher gewesen. Am nächsten Tag badete sie das Kind, untersuchte die Male an seinem Körper und erklärte, sie erkenne Muttermale und Narben wieder. Von diesem Augenblick an galt die Frage für die Dunbars als erledigt.
Opelousas stimmte zu. Der Junge wurde mit einem Umzug, einer Blaskapelle und Menschenmengen auf der Strasse heimgeholt. Fotos der wiedervereinten Familie liefen landesweit. Die Geschichte hatte die Form, die alle wollten: ein gestohlenes Kind zurück, ein fremder Herumtreiber als Schuldiger. Die öffentliche Stimmung verhärtete sich lange bevor ein Gericht auch nur ein Beweisstück prüfte.
Dann kam Julia Anderson. Eine Zeitung bezahlte ihr die Reise aus North Carolina, damit sie das Kind sehen konnte. Das Treffen wurde als Prüfung angelegt. Der Junge wurde unter fünf gleichaltrige Kinder gestellt, und sie sollte ihren Sohn herauszeigen. Sie zögerte, und der Junge gab ihr kein Zeichen des Wiedererkennens. Am folgenden Tag durfte sie ihn allein und unbekleidet untersuchen, und sie erkannte Male an seinem Körper. Von da an sagte sie ohne Schwanken, das Kind sei Bruce, ihr Sohn.
Es änderte nichts. Dieselben Zeitungen, die ihre Reise bezahlt hatten, zerlegten nun ihr Privatleben, berichteten, sie habe drei Kinder ausserhalb der Ehe geboren, und deuteten ihr Zögern bei der Gegenüberstellung als Beweis für Betrug. Sie hatte kein Geld, keinen eigenen Anwalt und keinerlei Stellung in Louisiana. Das Kind blieb bei den Dunbars. Julia Anderson kehrte mit leeren Händen nach North Carolina zurück und kam nur noch als Zeugin in den Staat.
William Walters wurde nach Louisiana ausgeliefert und 1914 in Opelousas wegen Kindesentführung angeklagt. Zeugen aus Poplarville in Mississippi, wo Walters und der Junge längere Zeit verbracht hatten, sagten aus, sie hätten die beiden schon vor August 1912 zusammen gesehen, was die Entführung unmöglich gemacht hätte. Julia Anderson sagte für die Verteidigung aus. Das Gericht folgte der Identifizierung der Dunbars, stellte fest, das Kind sei Bobby Dunbar, verurteilte Walters und verhängte lebenslange Haft.
Das Urteil hielt nicht. Der Oberste Gerichtshof von Louisiana hob es auf und ordnete ein neues Verfahren an. Die Staatsanwaltschaft verzichtete unter Hinweis auf die Kosten des ersten Prozesses darauf, und Walters kam nach etwa zwei Jahren frei. Er kehrte auf die Landstrassen und zu seinem Handwerk zurück und sagte für den Rest seines Lebens jedem, der fragte, er habe nie ein Kind gestohlen. Er starb am 7. April 1945 in Pueblo, Colorado.
Der Junge wuchs in Opelousas als Bobby Dunbar auf. Er heiratete, bekam vier Kinder, betrieb eine Tankstelle und führte nach allem, was bekannt ist, ein gewöhnliches Leben. Als sein Sohn Bobby Dunbar junior ihn 1954 direkt fragte, ob er sicher sei, wer er sei, antwortete er, er wisse, wer er sei, und wisse, wer sein Sohn sei, und alles andere mache keinen Unterschied. Er starb am 8. März 1966 und wurde auf dem Bellevue Memorial Park in Opelousas beigesetzt. Julia Anderson war lange vor ihm gestorben, am 1. Februar 1940. Sie hatte sich in Poplarville niedergelassen, geheiratet, sieben weitere Kinder grossgezogen, als Krankenpflegerin und Hebamme gearbeitet und eine Kirchengemeinde mitbegründet. Ihre Familie erzählte, sie habe bis zuletzt von dem verlorenen Sohn gesprochen.
1999, dreiunddreissig Jahre nach seinem Tod, begann seine Enkelin Margaret Dunbar Cutright, den Fall durchzuarbeiten. Sie las die Prozessakten, die Zeitungsbestände und die Familienpapiere und befragte die noch lebenden Kinder von Julia Anderson. Sie hatte erwartet, die Familienversion zu bestätigen. Stattdessen zogen die Dokumente in die andere Richtung. 2004 stimmte ihr Vater Bob Dunbar junior nach der Anfrage eines Reporters der Nachrichtenagentur Associated Press einem DNA-Test zu. Seine Probe wurde mit der eines Cousins verglichen, des Sohnes von Alonzo, Bobby Dunbars jüngerem Bruder. Die beiden waren nicht verwandt. Das Kind, das 1913 nach Opelousas gebracht wurde, war nicht Bobby Dunbar. 2008 erzählte die Radiosendung This American Life die Geschichte, und 2012 veröffentlichten Cutright und der Autor Tal McThenia ein Buch über den Fall.
Schlussfolgerungen und offene Fragen
Das DNA-Ergebnis schloss eine Frage und öffnete eine andere. Es steht fest, dass der als Bobby Dunbar aufgewachsene Junge kein Dunbar war. Also irrten die Gerichte von 1913 und 1914 in der entscheidenden Tatsache, William Walters wurde wegen einer Entführung verurteilt, die die Beweislage nicht trägt, und Julia Anderson verlor ein Kind, das sie richtig erkannt hatte. Über das Schicksal des echten Bobby Dunbar sagt es nichts. Dort ist die Akte weiterhin leer.
Die Erklärung mit der breitesten Stütze ist die einfachste. Margaret Dunbar Cutright, die den Fall gründlicher bearbeitet hat als jeder andere, kam zu dem Schluss, dass Bobby höchstwahrscheinlich im Swayze Lake ertrank und dass sein Körper nie gefunden wurde, möglicherweise weil ihn ein Alligator holte. Die Schwäche liegt darin, dass der Sumpf schnell und gründlich von Männern abgesucht wurde, die ihn kannten, und dass gar nichts auftauchte: keine Leiche, kein Schuh, kein Stück Stoff.
Die Gegenannahme lautet, jemand habe ihn mitgenommen. Nahe am See verlief eine Bahnlinie, und die Familie glaubte stets, ein Fremder habe ihn fortgetragen. Die Schwäche ist, dass in mehr als einem Jahrhundert keine glaubwürdige Spur einer solchen Person aufgetaucht ist. Es gab keine Lösegeldforderung, kein Geständnis, keine spätere Identifizierung, und der einzige jemals Angeklagte war mit einem anderen Kind unterwegs.
Die schwierigste offene Frage ist, was Percy und Lessie Dunbar wirklich glaubten. Eine Lesart, der viele Kenner der Akte folgen, ist der ehrliche Irrtum: eine Mutter im achten Monat ihrer Trauer, der man einen Jungen im passenden Alter in einem Raum zeigt, in dem alle bereits entschieden hatten, und die sich über Muttermale und Narben selbst überzeugt. Die konkurrierende Lesart, vertreten von den Nachkommen Julia Andersons, besagt, die Familie habe die Wahrheit mit der Zeit erkannt und nach dem Festumzug nicht mehr zurückgekonnt. Beweisen lässt sich keine von beiden. Kein Dokument hält ein privates Eingeständnis eines der Eltern fest.
Ausser Zweifel steht, dass Julia Anderson Unrecht geschah. Sie war arm, unverheiratet und aus einem anderen Staat. Man stellte ihr eine Gegenüberstellung auf Zuruf, und als sie zögerte, machte die Presse ihr Privatleben zum Belastungsmaterial. Einen eigenen Anwalt hatte sie nicht. Sie hatte in der Sache ihres Sohnes recht und verlor ihn trotzdem, und sie starb 1940, ohne zu wissen, dass man ihr eines Tages glauben würde.
Die verbliebenen Fragen sind kurz und hartnäckig. Was geschah in den Stunden, nachdem sich ein Vierjähriger am Swayze Lake von den Erwachsenen entfernt hatte. Ob Bruce Anderson, der sein Leben in Opelousas verbrachte, je im Stillen die Wahrheit ahnte, und was er 1963 meinte, als er durch Poplarville fuhr und bemerkte, das seien die Leute, von denen man ihn damals geholt habe. Und ob dort noch etwas zu finden ist. Bis das geschieht, hat der Fall zwei wiederhergestellte Namen und ein Kind, das weiterhin vermisst wird.