Vierundvierzig Jahre, drei Namen, ein Stammbaum: Wie der Golden State Killer endlich gefasst wurde
Der Anruf ging im Dezember 1977 beim Sheriffbuero von Sacramento County ein, und die Stimme am Telefon war ruhig.
"Ich schlage heute Nacht zu. Watt Avenue."
Die Beamten fluteten den Bezirk. Sie waren noch dort, als ein Mann mit Skimaske auf einem Fahrrad ueber die Bruecke der Watt Avenue fuhr, direkt an ihnen vorbei, und in der Dunkelheit verschwand. Man hatte ihnen gesagt, wo er sein wuerde. Man hatte ihnen gesagt, wann. Er ging trotzdem, und er kam davon, und die Botschaft entging am naechsten Morgen niemandem im Raum: Er hatte keine Angst vor ihnen.
Es war der fuenfzehnte Monat einer Jagd, die noch vierzig Jahre dauern sollte.
Der Sommer, in dem alles begann
Im Juni 1976 begannen Einbrueche und Vergewaltigungen in den oestlichen Vororten von Sacramento County. Die Presse benannte den Taeter nach der Geografie - der Vergewaltiger aus dem Ostbezirk - und der Name hielt ein Jahrzehnt, weil nie etwas Besseres auftauchte. Kein Gesicht, kein Name, kein Fingerabdruck, der irgendwohin fuehrte.
Das Muster war kalt und wiederholbar. Er betrat Haeuser Tage oder Wochen vor einem Ueberfall, ging durch die Zimmer, waehrend die Familie schlief, und lernte den Grundriss. Er nahm Kleinigkeiten mit, die niemand als vermisst meldete. Er entriegelte ein Fenster und liess es so. Er rief an - meist legte er auf, manchmal fluesterte er Drohungen - und die Ermittler fanden spaeter heraus, woher er die Nummern hatte: Auf Waehlscheibentelefonen der siebziger Jahre stand die eigene Anschlussnummer auf der Scheibe gedruckt. Er hatte im Haus gestanden und sie gelesen.
Wenn er zurueckkam, kam er mitten in der Nacht mit einer Taschenlampe und einer Waffe. Er fesselte seine Opfer mit Schnuersenkeln, die er mitgebracht hatte. War ein Paar im Haus, stapelte er Teller auf den Ruecken des Mannes und sagte ihm, wenn er sie fallen hoere, sterbe jeder im Haus. Dann liess er sich Zeit, und oft ass er ihr Essen, bevor er ging.
Zwischen 1976 und 1986 beging derselbe Mann mindestens dreizehn Morde, mehr als fuenfzig Vergewaltigungen und ueber hundertzwanzig Wohnungseinbrueche in ganz Kalifornien.
Was die Ueberlebenden danach beschrieben, war fast immer dasselbe, und diese Gleichfoermigkeit ist ein Teil dessen, was den Fall so schwer lesbar macht. Er hatte es nicht eilig. Er bewegte sich durch das Haus, als sei er schon einmal dort gewesen - denn das war er. Er wusste, welche Dielen knarrten. In mehreren Haeusern hatte er Tage zuvor die Schrauben eines Tores geloest oder eine Leiter zurechtgestellt, und niemand hatte es bemerkt, weil nichts fehlte und nichts kaputt war.
Er sprach in einem gepressten Fluestern, durch zusammengebissene Zaehne, und mehrere Opfer sagten, die Stimme habe aufgesetzt geklungen - ein Akzent, der verrutschte. Er verlangte bestimmte Dinge beim Namen und wusste, wo sie lagen. Und danach, manchmal Wochen spaeter, klingelte mitten in der Nacht das Telefon, und in der Leitung war ein Atmen, und die Ueberlebenden verstanden, dass er nicht weitergezogen war und sie nicht vergessen hatte.
Sacramento lebte 1977 unter einer Ausgangssperre, die niemand verhaengt hatte. Waffenlaeden waren ausverkauft. Maenner schliefen in Schichten. Nachbarschaftsstreifen fuhren mit Taschenlampen durch die Strassen, und bei einer Buergerversammlung in jenem Herbst stand ein Anwohner auf und sagte, kein Mann werde so etwas im eigenen Haus zulassen. Sechs Wochen spaeter war sein Haus eines derer, in die eingedrungen wurde.
Die meisten dieser Jahre wussten die Maenner, die ihn suchten, nicht, dass sie einen einzigen Mann suchten.
Drei Moerder, die dieselbe Person waren
Das ist das Versagen im Zentrum des Falls, und es gehoert klar ausgesprochen, denn es kostete Leben.
Als die Ueberfaelle in Sacramento aufhoerten, wurde die Sonderkommission aufgeloest. Ermittler wurden versetzt. In Contra Costa County wurde Lieutenant Larry Crompton angewiesen, die Arbeit einzustellen, als die oertlichen Uebergriffe endeten. Die Begruendung war gewoehnlich und in ihren eigenen Massstaeben vernuenftig: Die Taten hatten aufgehoert, und andere Faelle warteten.
Aber die Taten hatten nicht aufgehoert. Sie waren umgezogen.
Sechshundert Kilometer suedlich, in Santa Barbara County und Orange County, wurden Paare nachts in ihren Haeusern von einem Eindringling ermordet, der sie fesselte und totschlug. Die Presse nannte diesen Mann den Original Night Stalker. Fuer die Ermittler an jenen Tatorten war er ein Moerder. Fuer die Ermittler in Sacramento war ihr Mann ein Vergewaltiger, der im Norden nie getoetet hatte - ausser tatsaechlich zweimal, 1978.
Ein Ermittler aus dem Sueden las die noerdlichen Akten und war ueberzeugt, dass sie dieselbe Person jagten. Er brachte es nach Sacramento. Lieutenant Ray Root, der die dortige Ermittlung leitete, widersprach. Seine Begruendung, wie er sie spaeter beschrieb, lautete, der Moerder von Goleta sei schlampig, waehrend der Vergewaltiger aus dem Ostbezirk akribisch gewesen sei und seine Opfer stets unter Kontrolle gehalten habe. Es war ein Urteil ueber die Handschrift, gefaellt von einem erfahrenen Mann, und es war falsch.
Es gab noch einen dritten Faden, den niemand verknuepfte. Zwischen 1974 und 1975 durchwuehlte in der Landwirtschaftsstadt Visalia jemand mehr als hundert Haeuser auf eine Weise, die niemandem einleuchtete: Schubladen ausgeleert, einzelne Ohrringe mitgenommen, Damenunterwaesche auf Betten drapiert, Bargeld unangetastet. Der Visalia Ransacker erschoss auch einen Journalistikdozenten, der ihn daran hindern wollte, seine Tochter zu entfuehren. Die Ermittler in Visalia glaubten an einen einzelnen Taeter. Ermittler anderswo widersprachen. Die Einbrueche endeten Ende 1975. Im Sommer 1976 begann der Vergewaltiger aus dem Ostbezirk.
Drei Behoerden, drei Namen, drei Akten, die nicht miteinander sprachen. Die Technik zum DNA-Vergleich ueber Bezirksgrenzen hinweg gab es noch nicht, und die Kultur, die auch ohne sie Notizen verglichen haette, ebenso wenig.
Der Mann, den sie suchten, war einer von ihnen
Es gibt in diesem Fall ein Detail, mit dem die Ermittler jahrelang leben mussten, und es erklaert viel darueber, warum die Phantombilder nie funktionierten.
Joseph James DeAngelo war Polizist.
Er diente von 1973 bis 1976 in Exeter, Tulare County - in den Jahren der Einbrueche von Visalia, im selben kleinen Bezirk. Er verliess Exeter ungefaehr in dem Moment, als jene Taten endeten, und trat der Polizei von Auburn noerdlich von Sacramento bei. Die Ueberfaelle des Vergewaltigers aus dem Ostbezirk begannen im selben Sommer in Sacramentos oestlichen Vororten.
1979 wurde er bei der Polizei von Auburn entlassen, weil er in einer Drogerie einen Hammer und eine Dose Hundeabwehrspray gestohlen hatte.
Ein Mann mit Polizeiausbildung weiss, wie ein Tatort bearbeitet wird. Er weiss, wie die Streifenabdeckung um drei Uhr morgens aussieht, wie lange ein Wagen bis zum Einsatzort braucht und welche Strassen unbeleuchtet sind. Er weiss, wonach Ermittler suchen werden, und damit, was er nicht hinterlassen darf. Der Grund, warum er beim Sheriffbuero anrufen, sein Ziel ankuendigen und trotzdem durch das Netz gehen konnte, ist, dass er genau verstand, wie dieses Netz gebaut war.
Die Jahrzehnte dazwischen
Die Ueberfaelle endeten 1986. Niemand wusste warum. Die Akte erkaltete, wie solche Akten erkalten - nicht geschlossen, sondern ins Regal gestellt, abends bearbeitet von einer schrumpfenden Zahl von Menschen, die nicht loslassen konnten.
Paul Holes war einer von ihnen. Kriminaltechniker und spaeter Ermittler der Staatsanwaltschaft von Contra Costa County, oeffnete er die Kartons erstmals in den neunziger Jahren und kehrte mehr als zwei Jahrzehnte lang zu ihnen zurueck. Er las Aussagen neu. Er fuhr die Routen ab. Er baute Theorien und zerlegte sie wieder. 2001 bewies ein DNA-Test endlich, was ein Ermittler 1979 behauptet hatte und ueberstimmt worden war: Der Vergewaltiger aus dem Ostbezirk und der Original Night Stalker waren derselbe Mann. Es war eine Bestaetigung, die zweiundzwanzig Jahre zu spaet kam, und sie aenderte nichts, denn die DNA passte zu niemandem in irgendeiner Polizeidatenbank.
Das ist die Falle in einem solchen Fall. Ein DNA-Profil nuetzt nur, wenn die Person, zu der es gehoert, bereits wegen irgendetwas festgenommen wurde. DeAngelo war wegen des Diebstahls eines Hammers aus dem Polizeidienst entlassen worden. Er war nie wegen eines Verbrechens verurteilt worden. Seine DNA war nicht im System und waere es nie geworden. Mit herkoemmlichen Mitteln war der Fall unloesbar und waere es auf unbestimmte Zeit geblieben.
Die Idee, die ihn knackte
2017 suchte Holes eine Frau namens Barbara Rae-Venter auf.
Rae-Venter war keine Polizistin. Sie war eine pensionierte Patentanwaeltin mit einem Doktortitel in Biologie, die im Ruhestand genetische Genealogie als Hobby aufgenommen hatte und Adoptierten half, ihre leiblichen Familien ueber DNA-Treffer in oeffentlichen Datenbanken zu finden. Sie hatte die Methode bereits genutzt, um eine als Kind entfuehrte Frau zu identifizieren.
Holes' Vorschlag lautete: Man nehme das DNA-Profil von einem Tatort, lade es bei GEDmatch hoch - einer kostenlosen oeffentlichen Seite, auf der Menschen ihre kommerziellen DNA-Ergebnisse teilen, um Verwandte zu finden - und sehe, zu wem es passt. Nicht zum Moerder, der offensichtlich nie etwas hochgeladen hatte. Zu seinen Cousins. Entfernten. Menschen, die aus Neugier auf ihre Herkunft in ein Roehrchen gespuckt hatten und keine Ahnung hatten, dass ihr Genom so verwendet wuerde.
Die Suche ergab mehr als tausend genetische Cousins.
Was folgte, waren Monate unglamouroeser genealogischer Arbeit: Stammbaeume rueckwaerts von diesen Treffern bauen, den Punkt suchen, an dem getrennte Zweige auf einen gemeinsamen Vorfahren zulaufen, und dann wieder vorwaerts arbeiten durch Geburts-, Heirats-, Volkszaehlungs- und Sterberegister, um die Nachkommen zu finden, die zur richtigen Zeit an den richtigen Orten gewesen sein konnten. Unterwegs lieferte die DNA auch koerperliche Hinweise: Anzeichen fuer italienische Abstammung und vorzeitige Glatzenbildung.
Der Stammbaum verengte sich auf sechs infrage kommende Maenner.
Dann kam der kleinste Schritt der gesamten vierundvierzigjaehrigen Ermittlung. Jemand forderte bei der kalifornischen Fuehrerscheinbehoerde die Unterlagen dieser sechs Maenner an. Einer von ihnen hatte blaue Augen, passend zu den Beschreibungen ueberlebender Opfer Jahrzehnte zuvor.
Sein Name war Joseph James DeAngelo, er war zweiundsiebzig Jahre alt und lebte in einem Vorstadthaus in Citrus Heights, fuenfzehn Kilometer von dort entfernt, wo die Ueberfaelle begonnen hatten.
Die Ermittler stellten ihn unter Beobachtung und sammelten, was er wegwarf - ein Taschentuch und spaeter den Griff seiner Autotuer. Die DNA passte zu den Tatorten.
Er wurde am 24. April 2018 in seiner eigenen Einfahrt festgenommen. Vom Tag, an dem Holes zum ersten Mal Rae-Venters Buero betrat, bis zum Tag der Festnahme vergingen etwa viereinhalb Monate.
Das Gestaendnis
Am 29. Juni 2020 bekannte sich DeAngelo in einem zum Gerichtssaal umgebauten Universitaetsballsaal, gross genug fuer die Ueberlebenden, in dreizehn Faellen des Mordes ersten Grades schuldig. Als Teil der Vereinbarung, die die Todesstrafe vom Tisch nahm, gestand er zudem in oeffentlicher Verhandlung Dutzende Vergewaltigungen, die wegen Verjaehrung nicht mehr angeklagt werden konnten - eine Bedingung, auf der die Ueberlebenden bestanden hatten, damit im Protokoll steht, was er ihnen angetan hat.
Er wurde zu lebenslanger Haft ohne Bewaehrung verurteilt. Er war vierundsiebzig.
Schlussfolgerungen und offene Fragen
Die technische Leistung ist leicht zu beschreiben und schwer zu ueberschaetzen. Ermittlungsgenealogie fand die DNA des Moerders nicht in einer Datenbank. Sie fand die DNA seiner Verwandten und schloss von ihnen auf ihn. In den Jahren seither hat dieselbe Methode mehr als hundertfuenfzig Verdaechtige in Faellen identifiziert, die als endgueltig geschlossen galten.
Doch die technische Geschichte ist die kleinere. Die schwierigere Frage haengt ueber den vier Jahrzehnten vor 2018.
**Warum dauerte es so lange, wo doch so viel bekannt war?** Die Belege sind unbequem. Schon 1979 hatte mindestens ein Ermittler beide Akten gelesen und richtig geschlossen, dass der Vergewaltiger im Norden und der Moerder im Sueden derselbe Mann waren. Er wurde von einem hoeherrangigen Beamten ueberstimmt, dessen Einwand im Kern aesthetisch war: Die suedlichen Taten wirkten schlampiger. Alles Noetige, um die Faelle zu verknuepfen, existierte 1979 auf dem Papier. Was nicht existierte, war ein Mechanismus, der das Urteil eines Lieutenants aushebeln konnte, und eine Kultur, in der drei Bezirke Akten zusammenlegen, die jeder als seine eigenen betrachtete.
**Haette eine gemeinsame Ermittlung ihn gefasst?** Hier verlangt Redlichkeit Vorsicht. Es ist verlockend, Ja zu sagen, und unmoeglich zu beweisen. DeAngelos DNA war in keiner Datenbank und waere es nicht geworden. Kein Zeuge sah je sein Gesicht. Eine vereinte Sonderkommission haette vielleicht die Geografie eingeengt oder bemerkt, dass ein Polizist genau in den beiden Momenten von Exeter nach Auburn wechselte, in denen sich die Taten verlagerten. Oder sie haette eine groessere Version derselben Sackgasse hervorgebracht. Die Behauptung, bessere Koordination haette ihn gestoppt, ist eine vernuenftige Schlussfolgerung, keine belegte Tatsache, und der Unterschied zaehlt.
**Warum hoerten die Taten 1986 auf?** Darauf hat niemand geantwortet. Er war vierzig und nicht gefasst. Er war nicht im Gefaengnis. Er lebte weitere zweiunddreissig Jahre als freier Mann, arbeitete als Mechaniker, zog eine Familie gross und tat nach allem Anschein nichts, was Aufmerksamkeit erregte. Serientaeter dieses Typs hoeren gewoehnlich nicht auf, und wenn doch, gibt es meist einen Grund: Haft, Krankheit, Umzug, veraenderte Umstaende. Hier steht kein Grund in den Akten, nur ein Schweigen, das laenger dauerte als die Taten.
**Und die Frage, die der Fall allen anderen hinterlaesst:** Die Maenner, die ihn fassten, nutzten die DNA von tausend Menschen, die dem nie zugestimmt hatten. Sie hatten ihre Ergebnisse hochgeladen, um das Dorf eines Urgrossvaters zu finden. Diese Daten verurteilten einen Mann wegen dreizehn Morden, und kaum jemand widerspricht dem Ergebnis. Doch der Praezedenzfall wurde durch eben dieses Ergebnis gesetzt, und die Debatte ueber seine Grenzen ist nicht entschieden - sie wurde vor allem vertagt, weil der erste Fall einer war, in dem die Antwort selbstverstaendlich schien.
Was bleibt, jenseits der DNA und der Genealogie und der viereinhalb Monate am Ende, ist die Gestalt der Sache: ein Mann, der zehn Jahre lang durch fremde Haeuser ging, waehrend darin geschlafen wurde, den kein Ueberlebender je klar sah, und der am Ende nicht durch etwas gefunden wurde, das er tat, sondern durch den Zufall, mit wem er verwandt war.