EIN REALER FALL
Gelöst

Die Frau, die nie da war: 16 Jahre Jagd auf eine Morderin, die es nicht gab

2026-09-28 · · Die schwersten Verbrechen – aufgeklärt · 10 Min. Lesezeit

Am Nachmittag des Mittwochs, 25. April 2007, hielt ein Streifenwagen auf einem weiten Schotterplatz in der deutschen Stadt Heilbronn, rund 50 Kilometer nordlich von Stuttgart. Der Platz dient als Festgelande. Im April war er leer.

Die beiden Beamten im Wagen hatten Mittagspause. Es war warm. Nichts an diesem Tag war ungewohnlich.

Eine von ihnen war Michele Kiesewetter. Sie war 22 Jahre alt und seit etwa zwei Jahren im Polizeidienst.

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Jemand trat von hinten an den Wagen heran.

Beide Beamte wurden aus kurzer Distanz durch die offenen Fenster in den Kopf geschossen. Kiesewetter starb. Ihr Kollege uberlebte nach Monaten im Krankenhaus, mit bleibenden Schaden und ohne jede Erinnerung an das Geschehen.

Die Tater nahmen beide Dienstwaffen mit, beide Handschellen und eine Sonnenbrille. Dann gingen sie uber den Schotter davon.

Es gab keine brauchbaren Zeugen. Es gab kein erkennbares Motiv. Zwei uniformierte Beamte waren am helllichten Tag in einer ruhigen Provinzstadt niedergeschossen worden, und der Tatort gab den Ermittlern fast nichts her ausser den Spuren, die die Kriminaltechnik im Wagen sicherte.

Eine dieser Spuren war DNA einer Frau.

Was danach geschah, hier in einem Absatz, denn der Rest der Geschichte ergibt nur Sinn, wenn man es vorher weiss. Das weibliche Profil lag bereits in der deutschen DNA-Datenbank. Es stammte von einem Tatort 14 Jahre zuvor und war seither bei Einbruchen aufgetaucht, auf einer Spritze, in einem gestohlenen Auto und bei Taten in drei verschiedenen Landern. Die Polizei schloss daraus, dass eine Frau seit 1993 quer durch Europa aktiv war und nun zwei Polizisten erschossen hatte. Zwei Jahre lang suchten mehrere Hundert Ermittler nach ihr. Es gab sie nicht. Diese DNA hatte niemals einem Straftater gehort.

Das Profil, das schon beruhmt war

Der erste Fund war im Mai 1993, in einer kleinen Stadt in Westdeutschland. Eine 62-jahrige Frau wurde in ihrem Haus erdrosselt aufgefunden, mit Draht aus einem Blumengesteck. Von einer Tasse wurden Spuren gesichert. Damals liessen sie sich nicht auswerten. 2001, als die Technik besser war, lief das alte Material erneut durch und ergab ein vollstandiges weibliches Profil.

Dasselbe Profil tauchte im Marz 2001 im Sudwesten Deutschlands auf, wo ein 61-jahriger Mann in seiner Wohnung getotet wurde.

Es tauchte im Oktober 2001 wieder auf, auf einer Spritze im Zusammenhang mit einem Drogentod.

Es tauchte auf den Resten eines Kekses in einem aufgebrochenen Anhanger auf.

Von da an kam es immer wieder, und die Funde passten nicht zusammen. Ein Uberfall auf einen Edelsteinhandler in Frankreich 2004, das Profil auf einer zuruckgelassenen Spielzeugpistole. Ein Streit zwischen zwei Brudern 2005, das Profil auf einem abgefeuerten Projektil. Mehr als 20 Einbruche in Deutschland und Osterreich zwischen 2003 und 2007, darunter ein Optikergeschaft. Ein Einbruch von 2006, der erst zwei Jahre spater ausgewertet wurde.

Im Januar 2008 wurden drei Manner aus Georgien in einem Auto in Westdeutschland erschossen. Als die Spuren im Marz ausgewertet wurden, war das Profil wieder da. Im Oktober 2008 erschien es erneut, an der Leiche einer Pflegerin, die in einem Ort nahe Heilbronn tot aufgefunden wurde. Da hatte die deutsche Presse der Unbekannten langst einen eigenen Namen gegeben: die Frau ohne Gesicht.

Als der Streifenwagen in Heilbronn untersucht wurde, war die unbekannte Frau bereits mit Dutzenden Tatorten verknupft. Am Ende standen 40 Taten in drei Landern, sechs davon Totungsdelikte.

Wonach die Ermittler zu suchen glaubten

Eine Serientaterin, die nebenbei Kekse stiehlt, ist kein normales Muster, und die Ermittler wussten das.

Sie versuchten, die Spuren in eine Form zu pressen. Eine Idee war eine Frau, die auf der Strasse lebt, zwischen Landern wechselt, zwischen Gewalt und Kleinkriminalitat. Eine andere war, dass mehrere Menschen dasselbe Profil teilen, was die Genetik ausserhalb eineiiger Zwillinge fur praktisch unmoglich halt. Eine weitere war ein Mann mit einer seltenen Besonderheit, weil niemand dieses Verhalten recht als weiblich akzeptieren wollte.

Der einzige physische Hinweis, der aussagekraftig wirkte, zeigte nach Osten. Die Analyse des Profils deutete auf eine Herkunft aus Osteuropa. Dieser eine Hinweis pragte die Suche uber Jahre und lenkte die Aufmerksamkeit auf fahrende Gemeinschaften.

In Heilbronn wurde eine feste Sonderkommission eingerichtet. Sie erhielt den Namen Parkplatz, nach dem Schotterplatz, auf dem Kiesewetter erschossen wurde.

Bis Januar 2009 war die Belohnung auf 300.000 Euro gestiegen, eine der hochsten, die je in Deutschland ausgesetzt wurde. Hunderte Beamte in drei Landern arbeiteten an dem Fall.

Das Detail, das die ganze Zeit sichtbar war

Den Ermittlern fielen durchaus Dinge auf, die nicht passten.

Die Taten waren zu verschieden. Die Entfernungen zu gross. An manchen Tatorten lag das Profil auf einem Gegenstand, den kein Einbrecher anfassen wurde, und nicht auf den Gegenstanden, die er offensichtlich angefasst hatte.

Und da war die Landkarte.

Das Phantom erschien in einer Gruppe deutscher Lander, in Osterreich und einmal in Frankreich. In Bayern erschien es kein einziges Mal, dem grossen Bundesland, das an weite Teile des Gebiets grenzt, in dem es angeblich am aktivsten war, und in dem es genau dieselben Delikte gibt.

Dieses Loch auf der Karte galt als Kuriositat. Es war die Antwort, und sie hatte eine langweilige Verwaltungserklarung: Die bayerische Polizei kaufte ihre Wattestabchen bei einem anderen Lieferanten.

Alle 40 Spuren hatten eine Gemeinsamkeit, die niemand je als Gemeinsamkeit notierte, weil sie uberhaupt nicht als Beweismittel galt. Jede einzelne war mit einem Wattestabchen genommen worden.

Marz 2009: eine verbrannte Leiche und ein altes Formular

Der Fall brach nicht durch bessere Mordermittlung auf. Er brach seitlich auf, uber eine Identifizierung.

Ermittler versuchten, der verbrannten Leiche eines Mannes einen Namen zu geben, eines Asylbewerbers. In der Akte lag ein altes Antragsformular, und auf dem Formular waren seine Fingerabdrucke. Beamte fuhren mit einem Stabchen uber die Abdrucke, in der Hoffnung auf Zellen, die seine Identitat bestatigen wurden.

Die Analyse ergab das Profil des Phantoms.

Dieses Ergebnis war nicht nur uberraschend. Es war unmoglich. Fingerabdrucke eines Mannes konnen kein weibliches DNA-Profil liefern. Irgendetwas in der Kette brachte die DNA ein, und das einzige Glied der Kette, das in wirklich jedem dieser Falle vorkam, war das Stabchen selbst.

Die Polizei bestellte neue Stabchen, noch verpackt, direkt beim Lieferanten, und testete sie, ohne sie je an einen Tatort zu bringen.

Das Phantom war darauf.

Die Fabrik

Die Stabchen kamen von einem Medizinproduktehersteller in Osterreich. Sie wurden als steril verkauft, und sie waren steril. Darin lag die Falle.

Sterilisation totet Bakterien, Pilze und Viren. Sie entfernt keine menschliche DNA. Eine tote Hautzelle ist weiterhin Quelle eines vollstandigen genetischen Profils, und ein Stabchen kann vollkommen steril sein und trotzdem den genetischen Abdruck dessen tragen, der die Watte beim Verpacken beruhrt hat.

Die Stabchen waren nie als frei von menschlicher DNA zertifiziert, weil es eine solche Zertifizierung damals nicht gab. Niemand war auf die Idee gekommen, sie zu verlangen.

Das Profil gehorte einer Frau aus der Produktion. Berichte der Zeit hielten fest, dass zur Belegschaft Frauen aus Osteuropa gehorten, also genau jener Herkunftshinweis, der die Ermittlungen jahrelang gelenkt hatte.

Am 26. Marz 2009 teilten die deutschen Behorden mit, dass es kein Phantom gab. Die Frau aus der Produktion hatte keine Straftat begangen. Ihr Name wurde nie offentlich genannt, und es gibt keinen Grund, dass er es je wird.

Was der Fehler wirklich gekostet hat

Die finanziellen Kosten waren hoch. Die eigentlichen Kosten waren schlimmer.

Zwei Jahre lang wurde der Mord an einer Polizistin unter der Annahme ermittelt, eine Frau habe ihn begangen. Alles wurde durch diese Annahme gefiltert. Spuren ohne Frau waren weniger wert. Eine falsche Tatsache im Zentrum einer Ermittlung kostet nicht nur Zeit. Sie verbiegt jede Entscheidung, die um sie herum getroffen wird.

Sechs Totungsdelikte wurden ohne jeden Grund miteinander verknupft. Ermittler in drei Landern verglichen Notizen zu einer Verbindung, die ein Nebenprodukt einer Fabrik in Osterreich war.

Der Fall veranderte die Kriminaltechnik weltweit. 2016 veroffentlichte die Internationale Organisation fur Normung die Norm ISO 18385, die erste internationale Norm, die verlangt, dass Stabchen, Rohrchen und andere forensische Verbrauchsmaterialien mit minimalem Risiko einer Verunreinigung durch menschliche DNA hergestellt werden, mit Chargenprufung und mit DNA-Daten des Fabrikpersonals, damit ein fremdes Profil sofort erkannt wird. Diese Norm gibt es wegen dieses Falls.

Die zweite falsche Annahme

Wahrend Hunderte Beamte eine Frau jagten, die es nicht gab, lief eine zweite deutsche Ermittlung fast genauso schief.

Zwischen 2000 und 2006 wurden neun Manner in ihren eigenen kleinen Geschaften in verschiedenen deutschen Stadten erschossen. Acht waren turkischer Herkunft, einer war Grieche. Sie starben in einem Imbiss, einem Lebensmittelladen, einer Schneiderei, einem Schlusseldienst, einem Internetcafe. Immer wieder wurde dieselbe Pistole benutzt.

Die Ermittler schlossen fruh, die Taten kamen aus den Einwanderergemeinschaften, und suchten nach organisierter Kriminalitat, Drogen und Schutzgeld. Die deutsche Presse gab der Serie einen Spitznamen aus der Imbisskultur, und damit wussten die Familien genau, in welche Schublade ihre Vater und Bruder gelegt worden waren.

Angehorige wurden als Verdachtige vernommen. Mehreren wurde gesagt, der Tote musse heimliche Schulden oder ein verborgenes zweites Leben gehabt haben. Eine Tochter sagte spater, die Morder hatten ihrem Vater das Leben genommen und die Ermittler seine Ehre.

Elf Jahre lang verfolgte niemand im Zentrum jener Ermittlung ernsthaft ein rassistisches Motiv.

Zwei riesige Ermittlungen liefen gleichzeitig im selben Land. Die eine war sicher, die Taterin sei eine Frau. Die andere war sicher, das Motiv sei Kriminalitat unter Einwanderern. Beide irrten, und beide irrten auf dieselbe Weise: Eine ungeprufte Annahme durfte entscheiden, welche Spuren zahlten.

2012 entschuldigte sich die deutsche Bundeskanzlerin offentlich bei den Familien.

Wer die Polizistin wirklich erschoss

Am 4. November 2011, mehr als vier Jahre nach Heilbronn, uberfielen zwei Manner eine Bank in Ostdeutschland. Stunden spater, als die Polizei naher ruckte, wurden sie in einem brennenden Wohnmobil gefunden. Einer hatte den anderen erschossen, dann sich selbst.

Im Wohnmobil fanden die Beamten die beiden Dienstwaffen aus dem Streifenwagen in Heilbronn und ein Paar der gestohlenen Handschellen.

Die beiden Manner gehorten zu einer kleinen dreikopfigen Neonazi-Zelle, die sich Nationalsozialistischer Untergrund nannte. Zwischen 2000 und 2007 hatte sie zehn Menschen ermordet. Neun Opfer waren Einwanderer oder Kinder von Einwanderern, erschossen in ihren Laden und Betrieben. Das zehnte war Michele Kiesewetter.

Jahrelang waren diese Morde getrennt ermittelt worden, und die Familien mehrerer Opfer waren selbst als Verdachtige behandelt worden.

Im Juli 2018, nach einem Munchner Prozess von mehr als funf Jahren, wurde das dritte Mitglied der Zelle, eine Frau, wegen zehnfachen Mordes einschliesslich des Mordes an Kiesewetter verurteilt, zu lebenslanger Haft bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, was im deutschen Recht die ubliche Aussicht auf Entlassung nach 15 Jahren beseitigt.

Die Manner, die geschossen hatten, waren tot. Gegen sie wurde nie verhandelt.

**Und hier endet das Dokumentierte: Das Gericht stellte fest, wer Michele Kiesewetter totete, aber nie, warum gerade sie ausgewahlt wurde.**

Schlussfolgerungen und offene Fragen

In diesem Fall stecken zwei getrennte Ratsel, und nur eines ist gelost.

Das Phantom ist vollstandig gelost. Es gab keine Frau. Es gab ein verunreinigtes Produkt, eine ungeprufte Annahme und ein forensisches System, das einen DNA-Treffer als Antwort statt als Frage zu behandeln gelernt hatte.

Warum die Polizistin getotet wurde, ist offen. Jede Erklarung hat ihr Problem.

**Sie wurde wegen ihrer Herkunft ausgewahlt.** Der Beleg: Sie stammte aus derselben ostdeutschen Region wie die Zelle und hielt sich dort auf. Das Problem: Das Gericht prufte das ausfuhrlich und fand keinerlei personliche Verbindung. Zufall wirkt von aussen weit haufiger bedeutsam, als er es ist.

**Sie wollten die Waffen.** Der Beleg: Sie nahmen beide Pistolen und die Handschellen mit und behielten sie jahrelang. Das Problem: Die Zelle hatte bereits Schusswaffen und benutzte sie seit sieben Jahren. Zwei Polizisten am helllichten Tag zu erschiessen ist ein enormes Risiko fur Ausrustung, die man schon hat.

**Es war ein Angriff auf den Staat selbst.** Der Beleg: die Ideologie der Gruppe und dass es ihr bei diesen Taten nicht um Geld ging. Das Problem: Es ist der einzige Angriff auf Polizisten in der ganzen Serie. Alle anderen Opfer passten in ein anderes, sehr gleichformiges Muster.

**Es war eine Gelegenheit.** Der Beleg: Der Platz war leer, der Wagen stand, die Annaherung von hinten war einfach. Das Problem: Es erklart nicht, was die Zelle uberhaupt in dieser Stadt tat, was nie geklart wurde.

Eine weitere Frage hat gar keine Antwort, und sie ist die unangenehme.

Die Verunreinigung wurde nur entdeckt, weil eine Analyse ein biologisch unmogliches Ergebnis lieferte und weil jemand sich weigerte, es schonzureden. Alle anderen Falle dieser 16 Jahre lieferten Ergebnisse, die lediglich uberraschend waren, und ein uberraschendes Ergebnis wird wegerklart.

Niemand weiss, wie viele andere Ermittlungen, in wie vielen anderen Landern, von einem sauberen sterilen Stabchen in die falsche Richtung gelenkt wurden, das schon beim Offnen der Packung das Leben eines anderen Menschen trug.

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