Die Morde am Ratcliffe Highway: 7 Tote in 12 Nächten und ein Verdächtiger, der nie vor Gericht stand
In der Nacht auf Samstag, den 7. Dezember 1811, arbeitete Timothy Marr um Mitternacht noch.
Er war ein junger Ladenbesitzer, Mitte bis Ende 20. Die Quellen nennen unterschiedliche Alter: eine 24, eine andere 27. Bevor er seinen Laden eröffnete, war er Seemann auf einem Schiff der Ostindien-Kompanie gewesen, der großen britischen Handelsgesellschaft jener Zeit.
Jetzt verkaufte er Stoffe und Kleidung in einem kleinen Laden am Ratcliffe Highway. Das war eine lange, belebte Straße im Hafenviertel im Osten Londons, ein Stück östlich des Tower of London. Seeleute, Hafenarbeiter, Zimmerleute und Händler lebten dort dicht gedrängt.
Samstag war Zahltag. Es war der umsatzstärkste Tag der Woche, deshalb blieb der Laden lange offen.
Hinter dem Laden und darüber wohnte die Familie. Seine Frau Celia erholte sich noch von der Geburt. Ihr Sohn, der ebenfalls Timothy hieß, war 14 Wochen alt. Er war am 29. August geboren. Im Haus schlief auch der Lehrjunge, ein Junge namens James Gowen.
Kurz vor Mitternacht, um 23:55 Uhr, gab Marr seinem Dienstmädchen Geld. Er schickte sie los, Austern für ein spätes Abendessen zu kaufen und eine Rechnung beim Bäcker zu bezahlen.
Sie trat hinaus auf die dunkle Straße. Als sie etwa 25 Minuten später zurückkam, waren alle, die sie im Haus zurückgelassen hatte, tot.
Die Tür, die sich nicht öffnete
Gegen 00:20 Uhr kam das Dienstmädchen zum Laden zurück.
Es war dunkel. Die Tür war verschlossen. Sie klopfte, und niemand antwortete.
Sie klopfte wieder und wieder. Nichts.
Ein Nachbar, ein Pfandleiher, sagte später aus, er habe gegen 00:10 Uhr dumpfe Schläge durch die Wand gehört. Damals maß er dem keine Bedeutung bei.
Das laute Klopfen des Dienstmädchens rief den Nachtwächter herbei. In jenen Jahren hatte London keine richtige Polizei. Jede Gemeinde bezahlte ältere Männer, die nachts mit einer Laterne durch die Straßen gingen und jede halbe Stunde die Uhrzeit ausriefen.
Der Wächter sah, dass die Fensterläden geschlossen, aber nicht verriegelt waren. Er rief hinein. Niemand antwortete.
Der Pfandleiher kletterte daraufhin über die Mauer in den Hinterhof. Er fand die Hintertür des Hauses der Marrs offen und ging mit einer Kerze hinein.
Am Fuß der Treppe lag der Lehrjunge James Gowen. Sein Schädel war zertrümmert.
Neben der Eingangstür lag Celia Marr. Auch sie war erschlagen worden.
Hinter dem Ladentisch lag Timothy Marr.
Der Nachbar schloss die Vordertür auf und ließ die Menge herein, die sich draußen versammelt hatte. Da dachte jemand an das Baby.
Man ging hinunter in das Zimmer, in dem das Kind schlief. Der kleine Timothy lag tot in seiner Wiege. Auch er war ermordet worden.
Was das Haus erzählte
Unter den Ersten am Tatort war ein Beamter der Flusspolizei. Die Londoner Flusspolizei war 1798 gegründet worden, um Diebstähle von Schiffen auf der Themse zu verhindern. Sie war eine der ganz wenigen organisierten Polizeieinheiten der Stadt.
In einem Schlafzimmer im Obergeschoss fand er die Waffe. Es war ein schwerer Hammer mit langem Stiel, wie ihn Schiffszimmerleute benutzen, um große Nägel in Schiffsrümpfe zu treiben. Sein Kopf war mit Blut und Haaren bedeckt.
Die Ermittler glaubten, der Mörder habe ihn dort fallen lassen. Das Klopfen des Dienstmädchens habe ihn aufgeschreckt, und er sei durch die Hintertür geflohen.
Im Laden fand man ein zweites Werkzeug, ein Stemmeisen zum Aufbrechen von Brettern. Es war sauber.
Hinter dem Haus gab es Fußspuren. Sie zeigten 2 Paar Füße, mit Spuren von Blut und Sägemehl. An genau diesem Tag hatte ein Zimmermann im Laden gearbeitet, und der Boden war voller Sägemehl.
Ein Zeuge sagte, er habe in jener Nacht etwa 10 Männer von einem leerstehenden Haus in der Nähe wegrennen sehen.
Dann kam das Detail, das die Morde unbegreiflich machte. Offenbar war nichts gestohlen worden.
In der Ladenkasse lag Geld. In einer Schublade im Schlafzimmer lagen £152, eine riesige Summe für einen kleinen Händler im Jahr 1811. Der Mörder hatte sie nicht angerührt.
Das ist das Rätsel in einem Satz: 7 Menschen wurden innerhalb von 12 Tagen in 2 Häusern eines dicht bewohnten Londoner Viertels erschlagen und erstochen; ein Verdächtiger wurde festgenommen, starb aber, bevor ein Gericht die Beweise hörte, und so hat nie eine Jury entschieden, ob er es war.
Panik in den Straßen
Der Mord an einer ganzen Familie, einschließlich eines 14 Wochen alten Babys, erschütterte das ganze Land.
Die Zeitungen berichteten Tag für Tag. Die Menschen im Hafenviertel verriegelten bei Einbruch der Dunkelheit ihre Türen. Händler schlossen früh.
Die örtlichen Behörden setzten eine Belohnung von 50 Guineen aus. An Kirchentüren klebten Handzettel mit einer Beschreibung der Tat.
Am 10. Dezember fand die amtliche Leichenschau statt, die Anhörung, in der festgestellt wird, wie ein Mensch gestorben ist. Die Geschworenen kamen zu dem Schluss, dass jemand das Haus eine Zeit lang beobachtet und auf eine Gelegenheit gewartet haben musste.
Am Sonntag, dem 15. Dezember, wurden die 4 Opfer gemeinsam an der Kirche St George in the East beigesetzt, der Pfarrkirche des Viertels. Das Baby war dort erst 3 Monate zuvor getauft worden. Eine große Menge folgte den Särgen.
Die ersten Verdächtigen
Die Behörden nahmen fest, wen sie für möglich hielten.
3 Seeleute wurden festgehalten. Einer hatte Blutflecken auf der Kleidung. Alle 3 konnten nachweisen, wo sie in jener Nacht gewesen waren, und alle 3 kamen frei.
Der Zimmermann, der an diesem Tag im Laden gearbeitet hatte, wurde verhört. Er kam frei.
Timothy Marrs eigener Bruder wurde 48 Stunden lang festgehalten und befragt. Er hatte ein Alibi und kam ebenfalls frei.
Eine Frau, die früher als Dienstmädchen bei den Marrs gearbeitet hatte, wurde befragt. Die Ermittler befanden, sie sei zu klein, um die Tat allein zu begehen, und habe keinen Grund dazu gehabt.
Weitere Festnahmen folgten, und jede einzelne fiel in sich zusammen.
Die Ermittlungen führten örtliche Friedensrichter. Jeder Bezirk hatte sein eigenes Amt, und die Ämter tauschten kaum Informationen aus. Es gab keine zentrale Kriminalpolizei. Blut ließ sich nicht untersuchen, eine Wissenschaft der Fingerabdrücke gab es nicht. Alles hing an Zeugen.
Nur 12 Tage später
Am Donnerstag, dem 19. Dezember 1811, schlug der Mörder erneut zu.
Diesmal traf es das King's Arms, ein Wirtshaus in einer anderen Straße desselben Viertels. Es lag etwa 800 Meter vom Laden der Marrs entfernt.
Der Wirt, John Williamson, war 56 Jahre alt. Er führte das Haus seit 15 Jahren. Seine Frau Elizabeth war 60. Ihre Magd, Bridget Anna Harrington, war Ende 50.
Im Haus waren außerdem ihre 14-jährige Enkelin Catherine und ein Untermieter. Der Untermieter war ein Arbeiter, der seit etwa 8 Monaten ein Zimmer im Obergeschoss gemietet hatte.
Früher am Abend war John Williamson beunruhigt gewesen. Er erzählte einem Konstabler, er habe einen Mann in einer braunen Jacke an seiner Tür lauschen sehen, und bat ihn, den Mann festzunehmen. Daraus wurde nichts.
Spät in der Nacht war der Untermieter oben, als er merkte, dass unten etwas nicht stimmte. Später sagte er, er habe einen großen Mann gesehen, etwa 1,8 Meter, in einer schweren Seemannsjacke, der die Taschen von Elizabeth Williamson durchsuchte.
Der Untermieter ging zurück in sein Zimmer. Er knotete seine Bettlaken zu einem Seil, band es ans Bett und ließ sich aus dem Fenster auf die Straße hinunter, fast nackt, und schrie "Mord!".
Die Nachbarn brachen die Tür auf.
John Williamson lag im Keller am Fuß der Treppe. Er war geschlagen worden, und man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Neben ihm lag ein Brecheisen.
Elizabeth Williamson und die Magd lagen in der Stube. Beiden war der Schädel eingeschlagen und die Kehle durchgeschnitten worden.
Oben fand man die Enkelin Catherine schlafend in ihrem Bett. Sie hatte nichts gehört. Sie war unverletzt.
Der Mörder war durch ein hinteres Fenster entkommen. Auf dem Fensterbrett war Blut. Unter dem Fenster lag ein Hang aus nassem Lehm, und die Ermittler hofften, dass die Kleidung des Mannes davon gezeichnet sein würde.
John Williamsons Taschenuhr fehlte.
London wird abgeriegelt
Diesmal war die Reaktion gewaltig.
Die Feuerglocken der Kirchen wurden geläutet, um Freiwillige herbeizurufen. Die London Bridge wurde gesperrt, damit niemand den Fluss überqueren konnte. Beamte aus der Bow Street, dem berühmtesten Richteramt Londons und dem Nächsten, was die Stadt an Detektiven hatte, wurden in den Hafen geschickt.
Die Belohnung für den Mörder wurde auf 100 Guineen verdoppelt. 3 Gemeinden setzten eigene Belohnungen aus.
Bei der Leichenschau erzählte der Untermieter seine Geschichte. Aber man glaubte ihm nicht ganz. Er war im Haus gewesen, er war der einzige erwachsene Überlebende, und eine Zeit lang galt er selbst als verdächtig. Der Spruch der Geschworenen lautete: vorsätzlicher Mord durch unbekannte Personen.
Der Innenminister, das für Recht und Ordnung zuständige Regierungsmitglied, setzte einen erfahrenen Richter aus der Bow Street an die Spitze der Ermittlungen.
Zahlreiche Männer wurden zur Befragung gebracht.
Der Hammer gibt ein Geheimnis preis
Vom ersten Tatort war der Hammer als Beweisstück aufbewahrt worden. Am 19. Dezember, dem Tag des zweiten Überfalls, säuberte jemand den Stiel zum ersten Mal gründlich vom Blut.
Unter dem Blut kamen 2 Buchstaben zum Vorschein, ins Holz geschlagen. Sie sahen aus wie "I.P." oder "J.P.".
Seeleute kennzeichneten ihr Werkzeug oft so, mit einem Metallstempel.
Die Richter veröffentlichten eine Beschreibung des Hammers und der Buchstaben und baten jeden, der ihn kannte, sich zu melden.
Der Mann aus dem Pear Tree
Unter den Befragten war ein 27-jähriger Seemann namens John Williams. Er wurde als Ire oder Schotte beschrieben. Er wohnte in einem Wirtshaus namens Pear Tree, nur wenige Gehminuten von beiden Tatorten entfernt.
Die Beschreibungen seines Aussehens stimmen nicht überein. Ein Schriftsteller jener Zeit beschrieb ihn als schlank, mit leuchtend gelbem Haar. Eine führende Zeitung schrieb, er sei etwa 1,75 Meter groß und schlank. Eine spätere Zeichnung zeigte einen untersetzten Arbeiter.
Mehrere Dinge lenkten den Verdacht auf ihn.
Er trank im King's Arms.
Ein Mann, der im Pear Tree mit ihm das Zimmer teilte, sagte, Williams sei in der Nacht des zweiten Mordes nach Mitternacht nach Hause gekommen.
Einigen Quellen zufolge hatte Williams auf demselben Schiff wie Timothy Marr gedient, und zwischen ihnen habe es Streit gegeben. Bewiesen wurde das nie.
Am 23. Dezember wurde er im Richteramt verhört. Er hatte 2 Pfandscheine, einige Silbermünzen und eine £1-Note bei sich. Vor den Morden hatte er anderen erzählt, er habe überhaupt kein Geld.
Williams erklärte das. Er sagte, er habe Kleidung verpfändet, und nannte einen Wundarzt und eine heilkundige Frau, die er aufgesucht habe. Niemand überprüfte seine Angaben. Niemand prüfte die Daten auf den Pfandscheinen.
Er kam in das Gefängnis Coldbath Fields im Londoner Stadtteil Clerkenwell und sollte dort die nächste Anhörung abwarten.
Der Wirt aus dem Schuldgefängnis
Am 24. Dezember meldete sich der entscheidende Zeuge.
Es war der Wirt des Pear Tree, in dem Williams wohnte. Zu diesem Zeitpunkt saß der Wirt selbst wegen Schulden im Gefängnis Newgate.
Er erkannte den Hammer. Er sagte, er gehöre einem Seemann namens John Petersen, der seine Werkzeugkiste im Pear Tree zurückgelassen habe, als er zur See fuhr. Die Buchstaben auf dem Stiel seien Petersens Initialen.
Die Konstabler öffneten die Kiste des Seemanns im Wirtshaus. Der Hammer fehlte. Der Wirt gab zu, ihn selbst einmal benutzt und dabei ein Stück abgeschlagen zu haben.
Die Anklage gegen Williams stützte sich nun darauf: Der Hammer stammte aus einer Kiste in dem Haus, in dem er wohnte, und er hätte ihn nehmen können.
Weitere Belastungen kamen hinzu. Die Wäscherin sagte, etwa 2 Wochen zuvor sei eines seiner Hemden zerrissen zurückgekommen, und an einem anderen sei Blut am Kragen gewesen. Williams sagte, das stamme von einer Rauferei beim Kartenspiel. Als er mehr sagen wollte, brachten ihn die Richter zum Schweigen.
Spätere Berichte sprachen außerdem von schlamm- und blutverschmierten Strümpfen und von einem Stemmeisen aus derselben Seemannskiste.
Es gab auch ein Messer. Zuerst hieß es, man habe in Williams' Jacke ein Messer gefunden. Dann hieß es, es sei verschwunden. Später wurde ein Messer mit Blut gefunden. Ob es wirklich seines war, kann heute niemand sagen.
Moderne Historiker haben auf noch etwas hingewiesen. Der Wirt, der den Hammer identifizierte, saß wegen Schulden im Gefängnis. Die Belohnung hätte seine Schulden getilgt.
Die Zelle in Coldbath Fields
Am Morgen der nächsten Anhörung wurde John Williams tot in seiner Zelle aufgefunden.
Er hatte sich mit seinem Halstuch an einer Eisenstange erhängt. Die Quellen nennen unterschiedliche Daten: manche den 27. Dezember 1811, andere den 28. Dezember.
Er wurde nie vor Gericht gestellt. Keine Jury hörte je die Beweise gegen ihn, und er hatte nie einen Anwalt, der sie hätte entkräften können.
**Hier endet die dokumentierte Spur der Ermittlungen. Alles, was danach über seine Schuld gesagt wurde, wurde über einen Toten gesagt, der nicht mehr antworten konnte.**
Die Anhörung fand trotzdem statt, ohne ihn. Die Richter hörten die übrigen Zeugen. Dann erklärten sie, John Williams habe beide Mordtaten begangen, und sein Selbstmord beweise es.
Die Verfahren gegen die übrigen Festgehaltenen fielen in sich zusammen. Für die Richter war die Sache erledigt.
Der Zug durch die Straßen
Die Regierung wollte, dass die Menschen im Hafen mit eigenen Augen sahen, dass der Mörder tot war.
Am 31. Dezember 1811, an Silvester, wurde Williams' Leiche auf einen offenen Karren gelegt, damit die Menge sie sehen konnte.
Der Karren wurde langsam durch die Straßen des Viertels gezogen, bewacht von der Flusspolizei, berittenen Männern aus der Bow Street und örtlichen Konstablern. Manche Berichte sprechen von 180.000 Zuschauern. Diese Zahl lässt sich nicht überprüfen.
Der Zug hielt fast 15 Minuten vor dem Haus der Marrs. Er hielt erneut, etwa 10 Minuten lang, vor dem King's Arms.
Danach wurde die Leiche an einer Wegkreuzung begraben, wie man es damals in England oft mit Selbstmördern tat. Durch den Körper wurde ein Pfahl getrieben.
Ein Skelett unter der Straße
Im August 1886, 75 Jahre später, stießen Arbeiter einer Gasgesellschaft beim Ausheben eines Grabens an dieser Kreuzung auf ein Skelett. Es lag kopfüber, mit einem Pfahl durch den Körper.
Alle nahmen an, es sei John Williams. Berichten zufolge behielt der Wirt eines nahen Lokals den Schädel. Wo er heute ist, ist unbekannt.
Wo der Fall heute steht
Offiziell war der Fall 1811 abgeschlossen. Die Richter hatten einen Mörder benannt.
Nach heutigen Maßstäben wurde er jedoch nie gelöst. Der Beschuldigte wurde nie angeklagt, nie verurteilt und hatte nie Gelegenheit, sich zu verteidigen. Vor dem Gesetz gilt jeder, der nicht verurteilt wurde, als unschuldig, und John Williams starb, ohne je verurteilt worden zu sein.
Die wichtigsten Beweise wurden nie geprüft. Niemand überprüfte sein Alibi. Niemand überprüfte die Pfandscheine. Die Beschreibungen der Zeugen widersprachen einander. Der Untermieter im King's Arms beschrieb einen großen Mann, die Beschreibungen von Williams reichen dagegen von schlank bis untersetzt.
Grundfragen blieben unbeantwortet. Wie konnte ein einzelner Mann im ersten Haus in wenigen Minuten 4 Menschen töten und im zweiten 3 Erwachsene? Warum gab es bei den Marrs Spuren von 2 Paar Füßen? Warum ließ der Mörder im ersten Haus £152 liegen?
Ein Motiv wurde nie festgestellt.
Die Verdächtigen und die Theorien
**Das Urteil der Richter: John Williams handelte allein.** Die Indizien: Der Hammer stammte aus einer Kiste in seinem Logierhaus. Nach den Morden hatte er Geld, das er vorher nicht hatte. In der Nacht des zweiten Überfalls kam er spät nach Hause. In seiner Wäsche fanden sich ein zerrissenes Hemd und Blut. Das Problem: Nichts davon wurde vor Gericht geprüft. Der Hauptzeuge hatte eine Belohnung zu gewinnen. Und die Hinweise, dass im Haus der Marrs mehr als eine Person war, wurden nie erklärt.
**Williams hatte Helfer.** Mehrere Autoren seit dem 19. Jahrhundert meinten, ein einzelner Mann könne das alles nicht allein getan haben, wegen der 2 Paar Fußspuren und der Geschwindigkeit der Taten. Die damaligen Ermittler nahmen einen hinkenden Seemann mit dem Spitznamen "Long Billy" ins Visier, der mit Williams zur See gefahren war und mit ihm im King's Arms trank. Er konnte nicht erklären, wo er in Teilen beider Nächte gewesen war. Er wurde als Verdächtiger festgehalten und nach Williams' Tod freigelassen. Das Problem: Es wurde nie ein Beweis vorgelegt, der ihn mit einem der beiden Häuser verband.
**Williams war unschuldig, ein Sündenbock.** 1971 veröffentlichten ein Polizeihistoriker und die Kriminalschriftstellerin P. D. James das Buch "The Maul and the Pear Tree" ("Der Hammer und der Birnbaum"), eine umfassende Studie des Falls auf Grundlage der Originalakten. Sie argumentierten, die Behörden hätten sich auf einen Schluss gestürzt, um eine verängstigte Öffentlichkeit zu beruhigen, Spuren in andere Richtungen seien übergangen worden, und Williams sei womöglich nur ein Pechvogel gewesen, der im falschen Logierhaus wohnte. Sie verwiesen auf den Zimmermann, der an jenem Tag im Laden der Marrs gearbeitet hatte. Er hatte ein Stemmeisen verloren und fragte nach Williams' Festnahme nach, ob dieser noch in Haft sei. Das Problem: Auch das ist eine Theorie. Der Zimmermann wurde 1811 verhört und freigelassen, und es wurde nie ein Beweis für eine Beteiligung gefunden. Mehr als 200 Jahre später sind alle Beteiligten längst tot und die Originalbeweise verloren.
**Das Motiv.** Manche Autoren vermuteten einen Groll aus Williams' Seefahrtszeit mit Timothy Marr. Andere einen missglückten Raub oder einen Mann, den der Hass auf alle Menschen um ihn herum trieb. Das Problem: Kein Dokument belegt eine dieser Annahmen. Das Geld blieb liegen, und die Geschichte vom gemeinsamen Schiff wurde nie bestätigt.
Der Schriftsteller Thomas De Quincey machte den Fall 1827 mit seinem bitter-ironischen Essay "Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet" berühmt. Er hielt Williams für schuldig. Viele Leser haben das seither ebenso getan.
Die 7 Opfer, die Familie Marr, ihr Lehrjunge, das Ehepaar Williamson und ihre Magd, ruhen auf dem Kirchhof und in den Akten. Die Frage, wer sie getötet hat, wurde in einer Anhörung entschieden, bei der der Beschuldigte schon tot war. Von einem Gericht wurde sie nie entschieden.