Der Dienstmädchen-Mörder von Austin: 8 Tote in einem Jahr und ein Täter, den niemand je benennen konnte
1885 war Austin eine kleine Stadt, die groß werden wollte.
Sie ist die Hauptstadt von Texas, im Süden der USA. Rund 14.500 Menschen lebten dort. Mitten in der Stadt entstand ein prächtiges neues Kapitol. Es gab Hotels, Restaurants, Saloons, die die ganze Nacht geöffnet hatten, und Lehmstraßen, die bei jedem Regen zu Schlamm wurden.
Auf den meisten dieser Straßen gab es kaum Beleuchtung. Fingerabdrücke wurden noch nirgends auf der Welt genutzt. Blutgruppen konnte man nicht bestimmen. Das Wort "Serienmörder" gab es noch nicht.
In diesem Jahr begann jemand, nachts die Hinterhöfe von Austin zu betreten.
Er kam in dunklen Nächten und in Mondnächten, meist nach Mitternacht. Er ging in die Hütten und Hinterzimmer, in denen die Dienstboten der Familien schliefen. Er kam mit einer Axt, manchmal auch mit einem Messer, einem Sandsack oder einem langen, dünnen Dorn.
Zwischen der letzten Nacht des Jahres 1884 und Heiligabend 1885 tötete er 8 Menschen und verletzte mindestens 8 weitere schwer. So zählte es später das Magazin Texas Monthly.
Die meisten Toten waren schwarze Frauen, die als Köchinnen und Dienstmädchen in weißen Haushalten arbeiteten. Die letzten 2 Opfer waren weiße Frauen aus angesehenen Familien.
Die Stadt gab dem Täter viele Namen. Hängen blieb einer, den ein junger Bankangestellter prägte, der später als Schriftsteller O. Henry berühmt wurde. In einem Brief an einen Freund im Mai 1885 spottete er, die Stadt sei langweilig, abgesehen von den "Servant Girl Annihilators", den Dienstmädchen-Vernichtern. Im Deutschen ist der Fall als der Dienstmädchen-Mörder von Austin bekannt.
Der Täter wurde nie gefasst. Niemand wurde je für einen dieser Morde verurteilt. Das ist die Geschichte dessen, was geschah, was die Polizei tat und warum sie scheiterte.
Die erste Nacht
Der erste Angriff geschah in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1884. Es war kalt, auf dem Boden lag Schnee.
Mollie Smith war Köchin, etwa 25 Jahre alt. Sie arbeitete für eine Familie in der Pecan Street, der Straße, die heute Sixth Street heißt. Sie wohnte in einem kleinen Zimmer hinter der Küche, mit ihrem Partner Walter Spencer.
Gegen 3 Uhr morgens taumelte Walter Spencer in das Schlafzimmer eines Verwandten der Familie. Er blutete aus 5 tiefen Kopfwunden. Er flehte um Hilfe. Er konnte nicht sagen, wer ihn angegriffen hatte. Mollie war verschwunden.
Die Polizei fand das kleine Zimmer voller Blut. Die Möbel waren umgeworfen. Ein Spiegel war zersplittert. An Wänden und Tür waren blutige Handabdrücke. Die Axt lag am Fußende des Bettes.
Gegen 9 Uhr morgens folgte ein Nachbar einer Blutspur über den Hof. Etwa 30 Meter vom Zimmer entfernt, neben dem Abort, lag Mollie Smith.
Man hatte sie lebend aus dem Bett gezerrt. Sie hatte einen Axthieb am Kopf und Stichwunden in Brust, Bauch, Armen und Beinen. Alles deutete darauf hin, dass sie vergewaltigt worden war.
Die falschen Männer
Die Polizei ging zuerst zu den Menschen, die ihr am nächsten standen. Das war das Übliche, und hier war es falsch.
Sie nahm einen schwarzen Barkeeper fest, der einst um Mollie geworben hatte. Drei Menschen schworen, sie hätten ihn nach 4 Uhr morgens von einer Feier nach Hause gebracht. Die Untersuchungsjury nannte ihn trotzdem den wahrscheinlichsten Verdächtigen. Im März 1885 befand eine Grand Jury die Beweise für zu schwach, und er kam still frei.
Auch Walter Spencer selbst, der Mann, der neben ihr fast getötet worden war, wurde angeklagt. Er wurde freigesprochen.
4 Monate lang geschah nichts mehr. Austin beschloss, es sei eine einzige schreckliche Nacht gewesen.
Mai: die Köchin hinter dem Haus des Arztes
Am frühen Morgen des 7. Mai 1885 schlug der Täter erneut zu, in einem anderen Teil der Stadt.
Eliza Shelly war Köchin, etwa 30 Jahre alt. Sie lebte mit ihren Kindern in einer kleinen Hütte hinter dem Haus des Arztes, für den sie arbeitete. Man fand sie tot auf dem Boden.
Sie hatte eine Axtwunde über dem rechten Auge, und neben dem Ohr und zwischen den Augen waren Löcher geschlagen worden. Wahrscheinlich war sie vergewaltigt worden.
Diesmal gab es einen Zeugen. Ihr ältester Sohn war 8 Jahre alt. Er erzählte, ein Mann mit einem Lappen vor dem Gesicht sei hereingekommen. Der Mann fragte, wo das Geld sei, und sagte, er fahre am Morgen nach St. Louis.
Vor der Hütte waren Fußspuren. Barfußspuren. Der Täter hatte seine Stiefel ausgezogen, um leise zu gehen.
Die Polizei klammerte sich daran. Sie nahm einen schwarzen Jugendlichen fest, nur weil er barfuß ging. Seine Füße wurden mit den Spuren verglichen, sie passten nicht, und er kam frei.
Zwei Wochen später
Kurz nach Mitternacht am 23. Mai 1885 wurde Irene Cross, ein Dienstmädchen, in ihrem Zimmer in einer anderen Straße angegriffen.
Ihr junger Neffe sah den Mann: groß, barfuß, mit braunem Hut und zerlumptem Mantel.
Irene floh in den Hof. Dort holte er sie ein. Ihr rechter Arm wurde fast durchtrennt. Ihr Kopf war so schwer verletzt, dass ein Reporter schrieb, sie sehe aus, als sei sie skalpiert worden.
Sie starb 2 Tage später, am 25. Mai.
Nun waren 3 Frauen tot. Alle schwarze Dienstbotinnen. Alle mitten in der Nacht angegriffen, im Bett, hinter den Häusern, in denen sie arbeiteten. Danach schrieb der Bankangestellte seinen Brief.
Und wieder hörten die Morde auf. Im Juni schrieb ein Reporter, Austin sei "wieder heiter".
August: eine Mutter und ihre Tochter
Gegen 5 Uhr morgens am 30. August 1885 fand ein Mann Rebecca Ramey bewusstlos, mit gebrochenem Schädel.
Ihre Tochter Mary war 11 Jahre alt. Der Täter hatte sie mit einem Sandsack betäubt, in ein Waschhaus im Hof getragen, vergewaltigt und mit einer Axt angegriffen. Ein langer, dünner Gegenstand war ihr ins Ohr getrieben worden.
Mary starb etwas mehr als eine Stunde, nachdem 2 Ärzte eingetroffen waren.
Rebecca überlebte. Sie konnte nicht sagen, wer sie angegriffen hatte.
Der Stadtmarschall, der Polizeichef von Austin, kam etwa 7 Stunden nach der Tat an den Tatort. Nach einem Bericht setzte die Polizei damals zum ersten Mal in Texas Spürhunde in einem Mordfall ein.
Die Hunde führten zu einem barfüßigen jungen Mann, dessen Füße zu den Spuren passten. Ein Arzt erklärte, er habe nichts damit zu tun. Auch er kam frei.
Die schwarzen Einwohner Austins wussten genau, wer da starb. Sie bildeten ein Komitee im Gerichtsgebäude und baten den Bürgermeister, den Stadtrat und den Gouverneur von Texas, eine Belohnung auszusetzen. Sie wurden abgewiesen.
Erst nachdem eine Zeitung die Absage kritisiert hatte, sammelten Bürger selbst Geld für eine Belohnung.
September: vier Menschen in einer Hütte
Vor 1 Uhr nachts am 28. September 1885 drang der Täter in eine Hütte in der San Marcos Street ein.
Dort schliefen 4 Menschen. 2 Frauen, Patsy Gibson und Lucinda Boddy, schlug er mit einem Sandsack. Beide überlebten mit Schädelbrüchen.
Er tötete Orange Washington, einen jungen Mann, der mit seiner Freundin dort war. Orange starb einige Stunden später.
Seine Freundin Gracie Vance wurde durch ein Fenster gezerrt und zu einem nahen Stall geschleppt. Dort wurde sie mit einem Ziegelstein geschlagen und vergewaltigt. Eine Lokalzeitung schrieb, ihr Kopf sei "fast zu Brei geschlagen" worden.
Diesmal nannte eine der Verletzten binnen Minuten einen Namen: Der Angreifer sei ein schwarzer Mann, den sie kenne. Er wurde festgenommen, seine blutbefleckte Kleidung beschlagnahmt.
Er hatte ein Alibi. Wochenlang saß er im Gefängnis, während das Blut untersucht wurde. Es stellte sich heraus, dass es sein eigenes war. Monate später kam er frei.
**Das ist das Muster des ganzen Falls: Jedes Mal, wenn die Polizei einen Verdächtigen hatte, zerfielen die Beweise, und die Angriffe gingen weiter.**
Die Jagd, die nichts fand
Im Herbst 1885 war die Jagd auf den Täter riesig geworden, und fast nutzlos.
Die Spürhunde liefen Nacht für Nacht durch die Lehmstraßen. Sie nahmen Fährten auf und verloren sie. Privatdetektive wurden von außerhalb geholt. Ihre Anwesenheit verstärkte nur die Panik.
Die Polizei verhaftete Männer in großer Zahl. Am 26. Dezember 1885 meldete die New York Times, in Austin seien im Lauf des Jahres rund 400 Männer festgenommen worden. Keiner von ihnen wurde je wegen der Morde verurteilt.
Die Beschreibungen des Täters passten nicht zusammen. Zeugen sprachen von einem weißen Mann; einem dunklen Mann; einem hellhäutigen Schwarzen mit geschwärztem Gesicht; einem Mann in einem weiten Frauenkleid; einem Mann mit Schlapphut; einem Mann mit einem Lappen vor dem Gesicht. Manche glaubten an 2 Täter oder an eine Bande.
Viele weiße Amtsträger weigerten sich zu glauben, dass ein einziger Mann all das tat. Für sie war jeder Mord ein eigenes Verbrechen unter den schwarzen Dienstboten der Stadt, mit einem eigenen Schuldigen. Diese Überzeugung prägte die gesamte Ermittlung.
Dann kam Heiligabend, und alles änderte sich.
Heiligabend
Gegen Mitternacht am 24. Dezember 1885 drang der Täter in das Haus des Zimmermanns Moses Hancock in der East Water Street ein.
Seine Frau Susan Hancock war eine weiße Frau, die die Presse als eine der feinsten Damen Austins beschrieb. Ihr Mann fand sie im Hinterhof.
Sie war mit einer Axt geschlagen worden. Ein langes, spitzes Werkzeug war ihr durch das rechte Ohr etwa 5 Zentimeter tief ins Gehirn getrieben worden. Nach einem Bericht lebte sie noch einige Tage und starb am 28. Dezember.
Etwa eine Stunde später, am anderen Ende der Stadt in der West Hickory Street, geschah es erneut.
James Phillips, ein junger Mann, der als Architekt arbeitete, wurde bewusstlos im Haus seiner Eltern gefunden, mit Axtwunden am Kopf. Er und seine Frau Eula lebten dort mit ihrem Baby.
Eula Phillips war 17 Jahre alt. Man fand sie draußen in einem Hof, nackt und tot. Die Berichte sind sich nicht einig, ob es der Hof der Schwiegereltern oder der von Nachbarn war.
Sie war durch einen Schlag auf den Kopf getötet und offenbar vergewaltigt worden. Schwere Holzbalken waren ihr über die Arme gelegt worden, um sie niederzuhalten. An einem Zaun blieb ein blutiger Handabdruck zurück.
Wieder kamen die Spürhunde. Sie folgten einer Spur etwa 3 Kilometer aus der Stadt hinaus und verloren sie dann.
Am Weihnachtsmorgen erschien die Stadtzeitung mit der Schlagzeile: "BLUT! BLUT! BLUT!"
Die Stadt wacht auf
Bis Weihnachten waren fast alle Opfer schwarz gewesen, und die Stadt hatte langsam reagiert. Jetzt waren in einer Nacht 2 weiße Frauen getötet worden, und Austin handelte schnell.
Der Bürgermeister berief eine Notversammlung im Kapitol ein. Mehr als 1.000 Menschen kamen. Ein Sicherheitskomitee wurde gebildet, auch um zu verhindern, dass eine Menge jemanden lynchte.
Bürger und Geschäftsleute sammelten mehrere tausend Dollar. Das Komitee setzte eine Belohnung von 1.000 Dollar aus. Der Gouverneur legte 300 Dollar dazu. Detektive von außerhalb wurden angeheuert. Eine strenge Ausgangssperre wurde verhängt, die Nacht-Saloons mussten um Mitternacht schließen, und etwa 30 zusätzliche Polizisten gingen auf die Straße. Männer patrouillierten nachts in ihren Vierteln.
Und die Polizei wandte sich nun den Ehemännern zu.
Die beiden Ehemänner
James Phillips wurde am 1. Januar 1886 festgenommen. Gerüchte besagten, er habe erfahren, dass seine Frau andere Männer traf, und sie selbst getötet. Zeugen sagten, er habe einmal gedroht, sie umzubringen, falls sie untreu sei. Die Anklage behauptete, er habe die Methode des Mörders nachgeahmt, um seine eigene Tat zu verbergen.
Er wurde verurteilt, nach einem Bericht zu 7 Jahren. Innerhalb weniger Monate wurde das Urteil in der Berufung wegen fehlender Beweise aufgehoben. Ein moderner Bericht sagt schlicht, er sei für nicht schuldig befunden worden. So oder so wurde er nie rechtskräftig für den Tod seiner Frau schuldig gesprochen, und vor dem Gesetz blieb er unschuldig.
Auch Moses Hancock wurde beschuldigt, seine Frau getötet zu haben. Die Anklage sagte, sie habe ihn wegen seiner Trinkerei verlassen wollen. Sein Prozess endete ohne Verurteilung: Die meisten Berichte sagen, die Geschworenen hätten sich nicht einigen können, einer sagt, er sei freigesprochen worden. Er kam frei, und auch er blieb vor dem Gesetz unschuldig.
Viele glaubten damals, die Beschuldigung der Ehemänner sei für die Mächtigen Austins ein Weg gewesen zu sagen, dass es gar keinen einzelnen Mörder gebe. Gerade als der Staat mit seinem neuen Kapitol glänzen wollte.
Hier endet die Spur
Nach Heiligabend 1885 hörten die Morde auf.
Es gab keine weiteren Morde, die jemand demselben Mann zuschrieb. Die Zeitungen schrieben, der Täter, oder die Täter, hätten Austin offenbar verlassen.
**Von hier an gibt es keinen Beweis, der irgendwohin führt. Keine Waffe wurde je einer Person zugeordnet. Kein Zeuge identifizierte den Angreifer in einer Weise, die standhielt. Niemand gestand. Alle Angeklagten kamen frei.**
Der Fall wurde nie gelöst. Die Gründe sind klar.
Die Polizei von 1885 hatte keine Fingerabdrücke, keine Blutgruppenbestimmung und keine Vorstellung davon, dass ein Mann ein Jahr lang immer wieder töten könnte. Die Barfußspuren wurden vermessen, aber nie einem Schuldigen zugeordnet. Die Fährten der Hunde endeten im Nichts. Monatelang behandelten Beamte jeden Mord als eigenen Fall. Und als die Stadt die Morde endlich ernst nahm, war der Täter verschwunden.
Die Verdächtigen in den Akten
Im Lauf der Jahre wurden 3 Namen genannt. Alle diese Männer sind lange tot. Keiner wurde je wegen dieser Morde angeklagt, und jeder ist als unschuldig zu betrachten.
**Ein junger Koch, von der Polizei erschossen.** Im Februar 1886, kurz nach dem letzten Mord, erschoss die Polizei einen 19-jährigen Koch namens Nathan Elgin, als er ein Mädchen mit einem Messer angriff. Er starb. 2014 nannte ihn die amerikanische Fernsehsendung History Detectives des öffentlichen Senders PBS als Verdächtigen: Er arbeitete in der Nähe der Tatorte, und ihm fehlte ein Zeh, was zu einem seltsamen Fußabdruck passte, der dem Täter zugeschrieben wurde. Das Problem: Er wurde nie vor Gericht gestellt, die Fußspur wurde nie mit modernen Methoden geprüft, und alles gegen ihn beruht auf einem einzigen Vergleich.
**Der Koch, der nach London segelte.** Ein Koch, nur als Maurice bekannt und angeblich aus Malaysia, arbeitete in einem Hotel in Austin nahe der Wohnorte vieler Opfer. Im Januar 1886 verließ er die Stadt per Schiff und gelangte schließlich nach London. Ein Artikel einer Zeitung aus Austin von 1888 brachte seinen Namen ins Spiel. Das Problem: Kein Beweis bringt ihn an einen Tatort. Die Theorie beruht nur darauf, wo er arbeitete und wann er ging.
**Jack the Ripper.** Als 1888 die Morde in Whitechapel in London begannen, vermutete ein amerikanischer Zeitungsredakteur, derselbe Mann könne hinter beiden Serien stecken. Einige moderne Autoren haben die Idee wiederholt, darunter eine Theorie, der Kaufmann James Maybrick aus Liverpool sei damals in Austin gewesen. Das Problem: Eine Verbindung wurde nie bewiesen, und die Angriffe in Austin, mit Äxten und auf Paare im Bett, unterschieden sich in der Methode von den Londoner Morden.
Die vollständigste moderne Darstellung des Falls ist das Buch The Midnight Assassin von Skip Hollandsworth, erschienen 2016.
Für Mollie Smith, Eliza Shelly, Irene Cross, Mary Ramey, Gracie Vance, Orange Washington, Susan Hancock und Eula Phillips wurde nie jemand zur Rechenschaft gezogen.