Das Luftschiff, das ohne seine Besatzung heimkam: das Ratsel der L-8
Das Erste, was den Bewohnern der Bellevue Avenue auffiel, war der Schatten. Er glitt kurz nach elf an einem Sonntagmorgen im August 1942 uber die Dacher von Daly City, zog ein Halteseil durch den Kustennebel hinter sich her, und als die Leute auf ihre Veranden traten, sank bereits ein Luftschiff der United States Navy auf ihre Strasse herab. Es streifte das Haus Nummer 419, knickte gegen ein geparktes Auto und kam zur Ruhe, die erschlaffende Hulle wie ein zusammengefallenes Zelt uber den Gehweg gebreitet. Feuerwehrleute aus einer Wache einen Block weiter rannten mit Messern heran und schnitten die Bespannung auf, um an die Eingeschlossenen zu kommen.
Die Gondel war leer.
Das Funkgerat arbeitete. Die Fallschirme lagen verstaut an ihrem Platz. Das aufblasbare Rettungsfloss war noch festgezurrt, die Zundschalter standen auf ein, in den Tanks war Treibstoff, und beide Turen der Gondel standen offen. Von den zwei Offizieren, die funf Stunden zuvor von Treasure Island gestartet waren, fehlte jede Spur. Sie fehlt bis heute.
Das Luftschiff war die L-8, ein kleiner unstarrer Patrouillenblimp, gebaut als ziviles Goodyear-Schiff und nach Pearl Harbor in den Marinedienst ubernommen. Sie gehorte zur Luftschiffstaffel ZP-32 und flog von Treasure Island in der Bucht von San Francisco. Die Arbeit war unspektakular und im Sommer 1942 vollkommen ernst. Japanische U-Boote hatten in jenem Jahr vor der amerikanischen Westkuste operiert, und im Februar hatte eines von ihnen eine Olanlage an der kalifornischen Kuste beschossen. Ein Blimp war langsam und verletzlich, aber er konnte stundenlang uber einem Stuck Ozean stehen, durch klares Wasser auf einen getauchten Rumpf hinabsehen und eine Rauchboje oder eine Wasserbombe abwerfen.
Um 6:03 Uhr am Morgen des Sonntags, 16. August 1942, startete die L-8 zu einer routinemassigen U-Boot-Patrouille uber den Zufahrten zum Golden Gate. Zwei Manner waren an Bord: Leutnant Ernest DeWitt Cody, siebenundzwanzig Jahre alt, als Kommandant, und Fahnrich Charles Ellis Adams, ein erfahrener Luftschiffer, der erst kurz zuvor sein Offizierspatent erhalten hatte und seine erste Patrouille in diesem Rang flog. Ein dritter Mann, Maschinistenmaat James Riley Hill, wurde Minuten vor dem Abflug von Bord geschickt. Cody hielt das Schiff fur die Bedingungen jenes Morgens fur zu schwer, und Hill blieb am Boden. Er wurde noch einen grossen Teil seines Lebens lang nach dieser Entscheidung gefragt werden.
Gegen 7:40 Uhr funkte die Besatzung Treasure Island an. Sie hatten wenige Meilen von den Farallon-Inseln entfernt einen Olfleck auf dem Wasser gesichtet und gingen tiefer, um ihn zu untersuchen. Die Meldung war gewohnlich, ruhig und vollstandig. Sie war das Letzte, was jemals von ihnen gehort wurde.
Was uber dem Olfleck geschah, blieb nicht unbeobachtet. Zwei Schiffe waren nah genug, und beide Besatzungen sagten spater aus. Der Fischkutter Daisy Gray arbeitete in der Nahe; sein Erster Offizier konnte zwei Manner in der Gondel erkennen, nah genug, um zu bemerken, dass einer dunkles Haar hatte. Von dem Liberty-Frachter Albert Gallatin beobachtete man durch Fernglaser, wie der Blimp Rauchbojen abwarf, um den Fleck zu markieren, und ihn dann umkreiste, erst in zwei- oder dreihundert Fuss Hohe, dann tiefer, und zeitweise bis auf etwa dreissig Fuss uber die Dunung hinunterging. Die Manover wirkten planvoll und professionell. Niemand auf einem der beiden Schiffe sah jemanden fallen, sah jemanden im Wasser oder sah etwas sich dem Luftschiff nahern.
Dann stieg die L-8 weg. Sie ging hoch, verliess ihren zugewiesenen Patrouillenkurs und drehte nach Osten Richtung San Francisco, und sie tat es ohne ein Wort. Treasure Island rief sie und bekam nichts zuruck. Das Funkgerat in der Gondel wurde spater funktionsfahig und richtig eingestellt vorgefunden. Was den Flug von Cody und Adams beendete, beschadigte ihre Ausrustung nicht und liess ihnen keine Zeit und keinen Anlass, sie zu benutzen.
Am spaten Vormittag stand das Luftschiff bereits uber der Stadt selbst, tief und unruhig, und sackte durch, wahrend Helium entwich. Es kam uber Ocean Beach herein und beruhrte den Sand, und einen Moment lang griffen zwei Brandungsangler nach einer schleifenden Leine und versuchten, es festzuhalten. Es war zu stark fur sie. Es hob erneut ab, streifte die Klippe beim Golfplatz des Olympic Club, beschadigte einen Propeller und verlor eine seiner beiden Wasserbomben, die auf das Fairway fiel und nicht detonierte. Erleichtert stieg es wieder, trieb landeinwarts uber die Mission Street und ging schliesslich an der Bellevue Avenue in Daly City nieder, Hunderte von Schaulustigen im Schlepptau.
Die Suche, die folgte, begann sofort und war gewaltig. Flugzeuge, Uberwasserschiffe und Kleinfahrzeuge kammten das Wasser vor den Farallones und die Zufahrten zum Golden Gate ab. Man fand nichts: keine Leichen, keine Schwimmwesten, keine Trummer, kein Ol an der falschen Stelle. Bei dem Fleck wurde nie ein U-Boot geortet, und der Fleck selbst wurde nie abschliessend erklart, obwohl eine gewohnliche Ableitung eines vorbeifahrenden Schiffes die naheliegende Erklarung war und die, der die meisten Ermittler folgten.
Ein Untersuchungsausschuss der Marine nahm wochenlang Beweise auf. Er stellte mit vertretbarer Sicherheit fest, was nicht geschehen war. Auf die L-8 war nicht geschossen worden, sie war nicht angegriffen worden. Es hatte kein Feuer, keine Explosion und kein Strukturversagen gegeben. Sie war nicht ins Meer gegangen und daraus geborgen worden. Der Ausschuss fand weder im Verhalten noch in den Akten der beiden Offiziere etwas, das auf Fehlverhalten hindeutete. Er hielt auch Zweifel an der Tauglichkeit der Sicherungsklinke der Gondeltur fest, und das ist das Naheste an einem Mechanismus, dem die Marine je kam. Was der Ausschuss nicht leisten konnte, war zu sagen, wohin die Manner verschwunden waren. Er raumte im Ergebnis ein, dass die Antwort Sache von Mutmassungen sei. Cody und Adams wurden 1943 fur tot erklart.
Zwei Einzelheiten aus dem Wrack haben jede spatere Debatte gepragt. Die Fallschirme waren an Bord, unbenutzt. Und beide Schwimmwesten der Manner, die aufblasbaren Westen, die jede Besatzung uber Wasser trug, fehlten im Schiff. Was auch immer Ernest Cody und Charles Adams aus dieser Gondel geholt hat, sie gingen in der Ausrustung hinaus, die sie im Meer am Leben halten sollte, und darin wurden sie nie gefunden.
Schlussfolgerungen und offene Fragen
Die Erklarung, zu der die Marine neigte, ist zugleich die undramatischste. In dieser Rekonstruktion offnete einer der Manner die hintere Luke oder die Tur, um sich um eine Rauchboje zu kummern, verlor den Halt und fiel halb hinaus, und der andere ging beim Versuch, ihn zuruckzuziehen, mit ihm uber Bord. Vieles passt dazu. Es erklart die offenen Turen, die fehlenden Westen und die verstauten Fallschirme, an die niemand mehr gekommen ware. Es erklart auch den plotzlichen Steigflug: ein auf zwei Mann getrimmter Blimp der L-Klasse steigt hart, sobald ihn etwa hundertsechzig Kilogramm verlassen, und ein steigendes, unbemanntes Schiff, das landeinwarts treibt, ist genau das, was der Rest jenes Tages beschreibt.
Die Schwache der Absturztheorie sind das Schweigen und das Publikum. Die Besatzungen zweier Schiffe sahen dem Blimp wahrend dieser ganzen tiefen, langsamen Runde zu, und niemand von ihnen sah einen Mann ins Wasser gehen. Der Luftfahrthistoriker Dan Grossman hat den weiteren Einwand erhoben, dass der Ablauf dem widerspricht, wie die Besatzung ausgebildet war: Ein Offizier, dessen Kollege in einer offenen Tur hangt, hat das Funkgerat in Reichweite, und das Erste, was er tun soll, ist melden. Keiner von beiden tat es. Und das Meer vor dem Golden Gate ist stark befahrenes Wasser. Zwei Manner in aufgeblasenen Westen, bei Tageslicht, in Sichtweite der Schifffahrt, gehen normalerweise nicht spurlos verloren.
Die Kriegstheorien liefen in die andere Richtung. Damals und noch jahrzehntelang hiess es, die Manner seien von einem japanischen U-Boot aufgenommen worden, oder sie seien desertiert oder ubergelaufen. Dafur spricht sehr wenig. Ein japanischer Marinevorgang zu einer solchen Aktion wurde nie vorgelegt, und keine der umfangreichen Nachkriegsarbeiten uber japanische U-Boot-Operationen vor Kalifornien hat einen zutage gefordert. Ein U-Boot, das bei Tageslicht in Sichtweite eines Fischkutters und eines Liberty-Frachters auftaucht, um zwei Manner von einem Luftschiff zu holen, ohne dass eines der beiden Schiffe es bemerkt, ist weit schwerer zu glauben als ein Sturz. Die Fahnenflucht scheitert an demselben Problem von der anderen Seite: Sie verlangt einen Plan, der mit einem Luftschiff beginnt, das anschliessend allein in eine Vorstadt fliegt, und weder in den Akten der beiden Offiziere noch in den Leben, die sie zurucklassen mussten, wies etwas in diese Richtung.
Dunklere Lesarten, dass die beiden Manner miteinander kampften oder dass ein blinder Passagier an Bord war, kursieren seit 1942 und halten sich vor allem, weil der Fall leer genug ist, um sie aufzunehmen. Beide lassen dasselbe Loch: Jemand hatte in der Gondel bleiben mussen, und dann hatte auch dieser Jemand sie verlassen mussen. Eine Frau, die den Abstieg durch ein Fernglas verfolgte, gab an, drei Manner an Bord gesehen zu haben, doch die Zeugenaussagen aus der Stadt widersprechen sich an jenem Morgen erheblich. Andere sagten, sie hatten niemanden gesehen, und einige berichteten von Fallschirmen, die das Wrack als nie benutzt auswies. Aussagen von Passanten uber ein fernes Luftschiff im Nebel sind genau die Art von Beweis, die ein Untersuchungsausschuss vorsichtig zu gewichten lernt.
Was bleibt, ist eine Reihe von Tatsachen, die keine Theorie bisher geschlossen hat. Zwei ausgebildete Offiziere verliessen ein funktionierendes Luftfahrzeug, bei Tageslicht, uber Wasser, das aus zwei Richtungen beobachtet wurde, in ihren Schwimmwesten und ohne ihre Fallschirme, ohne ein eingeschaltetes und funktionierendes Funkgerat zu beruhren. Das Meer gab nichts zuruck. Das Luftschiff selbst war binnen Wochen repariert und flog wieder; nach dem Krieg wurde seine Gondel an Goodyear verkauft, trug jahrelang Werbung uber amerikanische Stadte und wird heute im National Naval Aviation Museum in Pensacola bewahrt, wieder in ihren Kriegskennzeichen. Das Fahrzeug hat sein Ratsel um mehr als achtzig Jahre uberlebt. Die Manner nicht, und in den Akten steht bis heute keine Zeile daruber, wohin sie gegangen sind.