EIN REALER FALL
Dokumentiert

Verschollen über dem Meer, gefunden im Sand: der Bomber, der an der Küste vorbeiflog

2026-10-19 · · Spurlos verschwunden · 7 Min. Lesezeit

Im Februar 1959 fuhr ein kleines Team britischer Ölsucher durch einen der leersten Orte der Erde: die tiefe Wüste im Osten Libyens, in Nordafrika.

Vor ihnen, auf einer flachen Kiesebene am Rand eines Meeres aus Sanddünen, lag ein großes Flugzeug.

Es war ein amerikanischer Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg, in 2 Teile zerbrochen, aber sonst fast ganz. Die Maschinengewehre funktionierten noch. Das Funkgerät funktionierte noch. Es gab eine Thermosflasche mit Tee, und der Tee war noch trinkbar.

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Im Flugzeug war niemand, und es gab keine Spur von Fallschirmen.

Die nächste Küste war Hunderte Kilometer entfernt. Das Flugzeug war seit 16 Jahren vermisst, und bis zu diesem Moment hatte niemand gewusst, dass es überhaupt in der Wüste lag.

Kurz gesagt: Ein Bomber mit 9 Männern an Bord verschwand im April 1943 auf dem Rückflug von einem Angriff. Alle nahmen an, er sei ins Mittelmeer gestürzt. Stattdessen lag er tief in der Sahara. Die Frage war, was aus den 9 Männern geworden war.

Der erste Einsatz

Die Geschichte beginnt am 4. April 1943. Der Bomber war eine B-24, ein großes amerikanisches Flugzeug mit 4 Motoren. Er war ganz neu, und die Besatzung auch. Es war ihr erster Kampfeinsatz. Auf die Nase hatte die Besatzung einen Namen gemalt: Lady Be Good.

Ihr Flugplatz lag in der Wüste bei Bengasi, einer Stadt an der Küste Libyens. Von dort wurden 25 Bomber nach Norden über das Meer geschickt, um den Hafen von Neapel in Süditalien anzugreifen.

Die Lady Be Good startete um 14:15 Uhr, in der letzten Gruppe.

Ein Sandsturm fegte über den Flugplatz. Einige Bomber konnten die Formation nicht halten. Mehrere kehrten um. Am Ende erreichten nur 4 Flugzeuge Neapel.

Sie kamen um 19:50 Uhr an, in etwa 7.600 Metern Höhe. Die Stadt lag unter Wolken. Das Ziel war nicht zu sehen.

2 der 4 Bomber griffen auf dem Rückweg andere Ziele an. Die Lady Be Good und ein weiteres Flugzeug warfen ihre Bomben ins Meer, um Treibstoff zu sparen, und drehten nach Hause.

Eine Stimme im Funk

Um 0:12 Uhr nachts hörte man auf dem Stützpunkt den Piloten der Lady Be Good im Funk.

Er sagte, sein Funkkompass funktioniere nicht. Das ist das Gerät, das anzeigt, in welcher Richtung das Funkfeuer des Stützpunkts liegt. Er bat den Stützpunkt, ihm zu sagen, wohin er fliegen solle.

Der Stützpunkt schickte ihm eine Richtung. Am Boden schossen Offiziere Leuchtraketen in den Himmel, damit das verirrte Flugzeug den Flugplatz fand.

Niemand am Boden hörte die Lady Be Good je wieder.

Der Bomber landete nicht. Die Besatzung wurde für vermisst erklärt. Nach den Unterlagen war das Flugzeug einfach irgendwo über dem Meer verloren gegangen.

**16 Jahre lang war das alles, was man wusste.**

Was das Wrack verriet

Nachdem die Ölsucher das Wrack gemeldet hatten, fuhren amerikanische Teams von einem Luftwaffenstützpunkt in Libyen hinaus. Sie begannen im Mai 1959.

Der Bomber war nicht ins Meer gestürzt. Er war im Dunkeln über die Küste geflogen, über seinen eigenen Stützpunkt hinweg, und noch etwa 2 Stunden weiter nach Süden in die Wüste.

Der wahrscheinlichste Grund ist eine Schwäche der Funkpeilgeräte jener Zeit. Sie hatten nur eine Antenne und konnten nicht immer unterscheiden, ob sich ein Flugzeug dem Stützpunkt näherte oder ihn schon hinter sich hatte. Eine falsch herum gelesene Peilung schickte das Flugzeug in die Gegenrichtung: Der Stützpunkt schien vorn zu liegen, obwohl er schon hinten lag.

Unter ihnen war nur Dunkelheit. Die Besatzung glaubte offenbar, noch über dem Meer zu sein.

Die Ermittler rekonstruierten, dass gegen 2 Uhr nachts der Treibstoff zu Ende ging und alle 9 Männer mit dem Fallschirm absprangen. Das leere Flugzeug flog allein noch 26 km weiter, rutschte dann auf den Kies und zerbrach.

Aber wo waren die Männer?

Die Suchtrupps kämmten rund 1.165 Quadratkilometer Kies um das Wrack ab. Sie fanden nichts.

Dann, am 16. Juni 1959, fanden sie ein Paar Fliegerstiefel, etwa 30 km nördlich des Wracks.

Danach fanden sie weitere Dinge, in einer Linie ausgelegt: Stücke von Fallschirmen, zu Pfeilen zugeschnitten, weitere Stiefel, Schwimmwesten. Die Männer hatten eine Spur gelegt, damit Retter ihr folgen konnten. Die Pfeile zeigten nach Norden.

Die Suchtrupps folgten der Spur 82 km weit. Dann verlor sie sich zwischen den Dünen.

Am 2. September 1959 wurde die Suche eingestellt.

Das Tagebuch

Im Februar 1960, ein Jahr nach dem Fund des Wracks, stieß ein weiteres Team von Ölsuchern auf menschliche Überreste, halb im Sand begraben, weit nördlich des Flugzeugs. Die Quellen sind uneins, ob das Ölteam oder ein Team der US-Armee sie zuerst fand.

Es waren 5 Männer. Sie lagen dicht beieinander.

Einer von ihnen war der Kopilot. Er hatte ein kleines Tagebuch geführt, und es war noch bei ihm.

Das Tagebuch erzählte, was niemand gewusst hatte.

Nach dem Absprung fanden 8 der 9 Männer im Dunkeln zueinander. Der neunte, der Bombenschütze, stieß nie zu ihnen.

Die 8 wussten nicht, dass sie tief in der Wüste waren. Sie glaubten, die Küste sei nah. Also gingen sie nach Norden los.

Sie hatten fast nichts zu essen und eine einzige Feldflasche Wasser für alle 8.

Tagsüber kann die Temperatur auf dieser Ebene 54 Grad erreichen. Nachts fällt sie fast bis auf den Gefrierpunkt. Armeeärzte hatten geschätzt, dass ein Mann ohne Wasser in der Wüste etwa 40 km gehen kann, bevor er stirbt, und dass er etwa 2 Tage überlebt.

Diese Männer gingen zusammen 125 km in 5 Tagen.

Dann konnten die meisten nicht mehr weiter. Das Tagebuch beschreibt, wie der wehende Sand ihre Augen angriff und wie ihre Körper jeden Tag schwächer wurden.

Am fünften Tag gingen die 3, die noch am stärksten waren, voraus, um Hilfe zu holen. Die anderen 5 blieben zurück und warteten.

Der letzte Eintrag im Tagebuch stammt vom 12. April 1943, 8 Tage nach dem Einsatz. Er lautet: "No help yet, very cold nite", also "noch keine Hilfe, sehr kalte Nacht".

Die, die vorausgingen

Im Mai 1960 kam die Armee mit einer größeren Suche zurück. Sie hatte ein Ziel: die 3 zu finden, die vorausgegangen waren.

Am 12. Mai fanden die Suchtrupps einen von ihnen, etwa 60 km tief im Sandmeer. Vom Absprungort aus war er etwa 186 km gegangen.

Am 17. Mai fanden sie den zweiten, noch 42 km weiter, fast vollständig vom Sand bedeckt. Auch er hatte ein kleines Tagebuch bei sich.

Die Quellen nennen unterschiedliche Entfernungen. Eine sagt, der zweite sei mehr als 320 km vom Wrack entfernt gewesen.

Im August 1960 fand ein Ölteam den Bombenschützen, den Mann, der nie zu den anderen gestoßen war. Er lag etwa 19 km vom Wrack entfernt, noch im Fallschirmgurt. Sein Fallschirm hatte sich nicht richtig geöffnet, und er war beim Aufprall gestorben. Seine Feldflasche war fast voll.

**Das sind 8 von 9. Der dritte der Männer, die vorausgingen, wurde nie gefunden.**

Was danach geschah

Teile des Wracks wurden abgebaut und in andere Flugzeuge eingebaut. Einige dieser Flugzeuge hatten später Unfälle, und es entstanden Geschichten über einen Fluch. Diese Geschichten sind Legende, kein Beweis.

1994 wurde, was vom Bomber übrig war, auf einen libyschen Militärstützpunkt nahe der Küste gebracht. Es wird noch heute in Libyen aufbewahrt.

2001 meldete sich ein Mann, der 1953 in einer Patrouille der britischen Armee in der libyschen Wüste gedient hatte, mit einer Erinnerung. Seine Patrouille hatte menschliche Überreste gefunden, in derselben Gegend, in der später die 2 Männer gefunden wurden, die vorausgegangen waren. Sie machten Fotos, begruben die Überreste und fuhren weiter.

Später untersuchten Experten diese Fotos. Sie hielten es für möglich, dass die Überreste von dem vermissten Mann stammten. Doch das Grab wurde nie markiert, und die Überreste wurden nie wiedergefunden.

Die belegte Geschichte ist also vollständig, bis auf 2 Dinge: warum genau die Besatzung an ihrem Stützpunkt vorbeiflog, und wo der letzte Mann liegt.

Schlussfolgerungen und offene Fragen

Das Wrack und die Tagebücher haben das Haupträtsel gelöst. Was offen bleibt, ist kleiner, aber es wurde nie geklärt.

**Eine falsch herum gelesene Funkpeilung.** Die Belege: Die Funkpeilgeräte jener Zeit konnten nicht immer unterscheiden, ob ein Flugzeug sich dem Stützpunkt näherte oder ihn schon passiert hatte. Eine umgekehrte Peilung legte den Stützpunkt vor das Flugzeug, obwohl er schon dahinter lag, und würde erklären, warum die Besatzung weiter nach Süden flog. Das Problem: Der Pilot hatte gemeldet, dass der Funkkompass des Flugzeugs selbst nicht funktionierte. Keine erhaltene Unterlage zeigt, welche Richtung die Besatzung genau benutzte und wie, und niemand überlebte, um es zu erklären.

**Eine unerfahrene Besatzung im Dunkeln.** Die Belege: Es war ihr erster Einsatz, nachts, nach einem langen Flug über dem Meer, mit dem Boden im Dunkeln verborgen. Eine neue Besatzung konnte übersehen, dass sie die Küste schon überquert hatte. Das Problem: Der Stützpunkt schoss Leuchtraketen, um sie zu leiten. Niemand weiß, ob die Besatzung sie sah und warum sie nicht umkehrte.

**Der letzte Mann wurde 1953 gefunden.** Die Belege: Ein ehemaliger Soldat beschrieb Überreste, die genau in der richtigen Gegend lagen, und Experten, die die Fotos untersuchten, hielten sie für passend. Das Problem: Es beruht auf der Erinnerung eines einzigen Mannes, fast 50 Jahre später, und auf Fotos von nicht identifizierten Überresten. Das Grab wurde nie gefunden.

**Der letzte Mann liegt noch unter den Dünen.** Die Belege: Er war einer der 3 Stärksten und ging vielleicht weiter als die beiden anderen. Das Sandmeer wandert und bedeckt alles. Die anderen 2 wurden fast begraben gefunden. Das Problem: In mehr als 60 Jahren wurde nichts gefunden.

Offen bleibt etwas Einfaches. Wir wissen, wie 8 Männer starben. Wir wissen, dass sie weiter gingen, als irgendjemand für möglich hielt, nach Norden, zu einer Küste, die sie nie erreichten. Was wir nicht wissen, ist, wo der Letzte von ihnen stehen blieb.

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