Umstritten

Der verrückte Gasmann von Mattoon: Das Phantom, das eine Stadt vergiftete — oder auch nicht

2026-06-09 · Seltsame Massenphänomene · 8 Min. Lesezeit

In der Nacht zum 1. September 1944 lag eine junge Hausfrau aus Mattoon namens Aline Kearney mit ihrer kleinen Tochter im Bett, während ihr Mann seine Schicht als Taxifahrer versah. Der Krieg war noch ein Jahr von seinem Ende entfernt, und diese stille Eisenbahnstadt im flachen Farmland des mittleren Illinois hatte ihn bislang nur durch Lebensmittelkarten und Todesnachrichten gespürt. Dann bemerkte Aline einen Geruch. Er war süßlich, widerlich und fremd und sickerte wie durch das offene Schlafzimmerfenster herein, und binnen Augenblicken fühlte sie ihre Beine schwer werden und eine Trockenheit in Mund und Kehle brennen. Sie schrie nach ihrer Schwester, die die Nachbarn und die Polizei rief. Als ihr Mann Bert in den frühen Morgenstunden heimkam und das Haus umrundete, wollte er später einen Mann am Fenster erblickt haben, der sich umdrehte und in die Dunkelheit lief. Am nächsten Nachmittag brachte die örtliche Daily Journal-Gazette die Geschichte auf ihre Titelseite, unter einer Schlagzeile über einen frei herumlaufenden Betäubungs-Schleicher in Mattoon. Der Panik waren eine Gestalt und ein Name gegeben.

In den folgenden knapp zwei Wochen platzte die Stadt aus allen Nähten. Auf der Polizeiwache ging Meldung um Meldung ein, insgesamt mehr als zwei Dutzend: ein seltsam süßer Geruch am Fenster, dann plötzliche Übelkeit, Schwindel, hämmerndes Herz, ein Brennen im Mund und eine Schwäche oder teilweise Lähmung der Beine, die binnen einer Stunde verging und keine Spur hinterließ. Die meisten, die es meldeten, waren Frauen, viele von ihnen nachts allein zu Hause. Einer der lebhaftesten Berichte kam von Beulah Cordes, die ein weißes Tuch auf ihrer Veranda fand, es aufhob und sich ans Gesicht hielt; sie berichtete von einem heftigen Brennen, einer Schwellung des Mundes und Blutungen, und in der Nähe des Hauses sollen ein Dietrich und eine leere Lippenstifthülse gefunden worden sein. Die Familien hörten auf zu schlafen. Männer wachten die Nacht hindurch mit Schrotflinten auf den Knien, und nach dem fünften September begannen bewaffnete Bürgergruppen, die Straßen im Auto zu patrouillieren, Fremde anzuhalten, Schatten zu jagen. Beinahe wäre eine Tragödie daraus geworden, in der ein verängstigter Nachbar einen anderen erschossen hätte.

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