Der Mann, den es nicht gab: Das Somerton-Rätsel
Am Morgen des 1. Dezember 1948 wurde am Somerton Beach in Adelaide, Australien, ein toter Mann gefunden. Er trug einen eleganten Anzug, war gepflegt und sauber — doch nichts an ihm verriet, wer er war. 74 Jahre lang kannte niemand seinen Namen.
Es waren die Details, die aus einer anonymen Leiche eines der berühmtesten Rätsel der Welt machten. Sämtliche Etiketten seiner Kleidung waren sorgfältig entfernt worden, eines nach dem anderen. Die Obduktion deutete auf eine Vergiftung hin — doch kein Gift konnte je in seinem Körper nachgewiesen werden. Am Bahnhof von Adelaide fand die Polizei einen Koffer, den er zurückgelassen hatte. Auch dort: Jedes Erkennungszeichen war beseitigt.
Dann kam die seltsamste Entdeckung von allen. In einer versteckten Hosentasche steckte ein eng gerollter Papierfetzen mit zwei persischen Worten: „Tamám Shud" — „es ist vollendet". Der Fetzen war aus einer seltenen Ausgabe der persischen Gedichtsammlung Rubaiyat von Omar Khayyam gerissen. Als die Polizei das Buch selbst aufspürte — es war in ein geparktes Auto in der Nähe geworfen worden — fanden sich darin Bleistiftnotizen: ein fünfzeiliger Code, der bis heute nicht entschlüsselt ist, und die Telefonnummer einer örtlichen Krankenschwester, die behauptete, den Mann nicht zu kennen. Zeugen berichteten, sie sei bleich geworden, als man ihr das Foto der Leiche zeigte.
Jahrzehntelang blühten die Theorien: ein sowjetischer Spion auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges? Ein verschmähter Liebhaber? War der Code eine verschlüsselte Botschaft oder sinnloses Gekritzel? Der Staat ließ seinen Leichnam einbalsamieren — eine seltene Maßnahme — in der Hoffnung, ihn eines Tages zu identifizieren.
2022 kam der Durchbruch. Professor Derek Abbott von der Universität Adelaide gab zusammen mit einer Expertin für genetische Genealogie bekannt, den Mann anhand von DNA aus erhaltenen Haaren identifiziert zu haben: Carl „Charles" Webb, ein Instrumentenbauer aus Melbourne, geboren 1905, der Ende der 1940er Jahre nach der Trennung von seiner Frau aus seinem Leben verschwand.
Doch genau das ist der Punkt — selbst mit einem Namen hat sich das Rätsel nie wirklich geschlossen. Woran starb er? Warum wurden alle Etiketten entfernt? Was bedeutet der Code? Und warum „es ist vollendet"? Auf diese Fragen gibt es bis heute keine Antwort.