Dokumentiert

Das Lachen, das die Schulen schloss: Tanganjika 1962

2026-06-17 · Seltsame Massenphänomene · 9 Min. Lesezeit

Die Regen hatten über dem Viktoriasee am Morgen des 30. Januar 1962 kaum nachgelassen, als in einem Missions-Mädcheninternat im Dorf Kashasha etwas begann, das niemand im Raum erklären und niemand aufhalten konnte. Irgendwo zwischen den Reihen der Holzpulte fingen drei Schülerinnen an zu lachen. Es war nicht das Lachen über einen gemeinsamen Scherz. Es kam in Wellen, die die Mädchen zusammenklappen ließen, und kaum war eine Welle vorbei, rollte die nächste heran. Binnen Stunden war das Lachen auf die Mädchen daneben übergesprungen und dann auf die daneben, bis die Lehrerinnen, die mit ihren Unterrichtsplänen vorne standen, feststellten, dass sie den Raum vollständig verloren hatten. Was an jenem Morgen in dieses Klassenzimmer trat, sollte in den folgenden achtzehn Monaten vierzehn Schulen leeren und das Leben von rund tausend Menschen in einem Winkel des eben unabhängig gewordenen Tanganjika berühren. Sechzig Jahre später können wir noch immer nicht mit Sicherheit sagen, was es war.

Der landläufige Name, die "Lachepidemie", schmeichelt dem Ereignis und verbirgt seine Grausamkeit. Es war keine Fröhlichkeit. Zeugen und die Ärzte, die die Betroffenen später untersuchten, beschrieben Anfälle von Lachen und Weinen, die sich ohne Vorwarnung abwechselten, dazu Schreien, zielloses Rennen, Unruhe, Ohnmachten, Atemnot, Hautausschläge und einen diffusen Schmerz, den die Mädchen nicht verorten konnten. Manche der Ergriffenen berichteten überdies von der Angst, etwas oder jemand verfolge sie. Ein einzelner Anfall konnte von wenigen Stunden bis zu sechzehn Tagen dauern, im Mittel etwa eine Woche. Die Betroffenen waren fast durchweg jung, ungefähr zwölf bis achtzehn Jahre alt, und solange eine Episode ein Mädchen im Griff hatte, war es praktisch unerreichbar.

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