Radarechos über dem Weißen Haus: die Washington-UFO-Welle von 1952
Kurz vor Mitternacht am Samstag, dem 19. Juli 1952, blickte ein Fluglotse am Washington National Airport auf seinen Radarschirm und sah 7 Objekte, die dort nicht hätten sein dürfen.
Sie waren etwa 24 km südsüdwestlich der Stadt. In diesem Gebiet wurde kein Flugzeug erwartet. Sie folgten keiner Flugroute. Sie bewegten sich langsam und beschleunigten dann plötzlich.
Er rief den leitenden Lotsen herbei. Der sah hin und sah sie ebenfalls.
An den folgenden 2 Wochenenden verfolgten Radarleute am Flughafen und auf einem nahen Militärflugplatz Dutzende nicht identifizierter Objekte über der Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Manche durchquerten den gesperrten Luftraum über dem Weißen Haus und dem Kapitol. Linienpiloten meldeten Lichter genau dort, wo das Radar Objekte zeigte. Düsenjäger stiegen auf, um sie abzufangen.
Die Ereignisse wurden als Washington-UFO-Welle bekannt. Die Luftwaffe erklärte, das Wetter sei die Ursache gewesen. Viele der Menschen, die in jenen Nächten in den Radarräumen saßen, haben das nie akzeptiert.
Was genau auf diesen Schirmen zu sehen war, ist mehr als 70 Jahre später noch immer umstritten.
Ein Sommer voller Untertassen
Um diese Nächte zu verstehen, hilft es, die Stimmung jenes Sommers zu kennen.
5 Jahre zuvor, 1947, hatte ein Privatpilot an der Westküste der USA eine Reihe schneller, glänzender Objekte gemeldet, und die Zeitungen erfanden den Ausdruck "fliegende Untertassen". Seitdem rissen die Meldungen nicht ab.
1952 explodierten sie. Die Luftwaffe unterhielt ein kleines Büro, das sie untersuchte, auf einem Stützpunkt weit von der Hauptstadt entfernt. Allein in jenem Sommer gingen dort mehr als 700 Meldungen ein, mehr als in den 4 Jahren davor zusammen. Eine beliebte Wochenzeitschrift hatte auf dem Titel gefragt, ob Besucher aus dem All schon hier seien.
Es war zudem der Höhepunkt des Kalten Krieges. Militärplaner fürchteten einen sowjetischen Überraschungsangriff. Alles Unbekannte am Himmel über der Hauptstadt war eine ernste Angelegenheit.
Die erste Nacht
Zurück zum 19. Juli.
Als die Objekte auftauchten, riefen die Lotsen am Flughafen im Kontrollturm an. Die Männer im Turm hatten ihr eigenes Radar, und auch sie sahen die Objekte. Einer von ihnen blickte aus dem Fenster und sah ein helles oranges Licht.
Nach Mitternacht verteilten sich die Objekte über alle Sektoren des Schirms. Einige zogen über das Weiße Haus und das Kapitol. Der leitende Lotse rief den Luftwaffenstützpunkt Andrews an, etwa 16 km entfernt. Das Radar dort verfolgte dasselbe.
In Andrews sah ein Soldat draußen etwas, das er als oranger Feuerball mit Schweif beschrieb. Ein Sergeant sah ein orangerotes Licht, das sich sprunghaft bewegte.
Ein Linienpilot, der auf den Start wartete, beobachtete etwa 14 Minuten lang 6 weiße, schnelle Lichter. Der leitende Lotse sagte später, jedes Mal, wenn der Pilot ein Licht meldete, hätten sie auf dem Schirm einen Punkt neben seinem Flugzeug gesehen.
Einmal, so die Lotsen, schwebte ein Objekt über einem Funkfeuer. Es erschien gleichzeitig auf 3 verschiedenen Radargeräten. Dann verschwand es im selben Moment von allen 3.
Gegen 3 Uhr morgens trafen endlich 2 Düsenjäger von einem Stützpunkt in einem Nachbarstaat ein. Als sie über der Stadt ankamen, verschwanden die Objekte von den Schirmen. Als den Jägern der Treibstoff knapp wurde und sie abdrehten, kamen die Objekte zurück.
Das letzte wurde gegen 5:30 Uhr auf dem Radar gesehen, bei Sonnenaufgang.
Die Schlagzeilen
Am Montag stand die Geschichte im ganzen Land auf den Titelseiten. Eine Zeitung titelte: "Untertassen schwärmen über der Hauptstadt."
Zufällig war der Leiter des UFO-Büros der Luftwaffe an diesem Wochenende in Washington. Er erfuhr aus der Zeitung, was geschehen war, wie alle anderen.
Als er hinfahren und ermitteln wollte, bat er um einen Dienstwagen. Man sagte ihm, Wagen stünden nur Generälen und höheren Obersten zu. Er könne ein Taxi nehmen, auf eigene Kosten. Stattdessen flog er zurück zu seinem Stützpunkt.
Bevor er abreiste, meinte ein Radarfachmann im Gespräch mit ihm, ungewöhnliches Wetter könne falsche Ziele auf den Schirmen erzeugt haben. Das war das erste Mal, dass diese Erklärung auftauchte. Sie sollte die offizielle werden.
Das zweite Wochenende
Am Samstag, dem 26. Juli, geschah es erneut.
Gegen 20:15 Uhr sahen der Pilot und eine Stewardess eines Linienflugzeugs im Anflug auf Washington seltsame Lichter über ihrer Maschine. Binnen Minuten verfolgten die Radargeräte am Flughafen und in Andrews unbekannte Objekte.
Diesmal kam ein Pressesprecher des UFO-Büros in den Radarraum. Er bat Reporter und Fotografen hinaus, mit der Begründung, die Radartechnik sei geheim.
Die Lotsen verfolgten Objekte in allen Sektoren. Einige bewegten sich nach ihren Berechnungen mit bis zu 11.000 km/h. Andere standen still, kehrten um und wechselten die Richtung.
Gegen 23:30 Uhr trafen 2 weitere Düsenjäger ein. Der Rottenführer sah nichts, selbst als er direkt auf Radarpunkte gelotst wurde. Sein Flügelmann sah vor sich 4 weiße Lichtschimmer und jagte ihnen mit Höchstgeschwindigkeit nach. Er sagte, er habe den Abstand nicht verringern können, und gab auf.
Der Pressesprecher beschrieb später diesen Moment. Der Pilot meldete sich über Funk, sagte, die Lichter seien überall um ihn herum, und fragte, was er tun solle. Diesem Bericht zufolge antwortete niemand, weil niemand wusste, was man ihm sagen sollte.
Nach Mitternacht trafen der Verbindungsoffizier des UFO-Büros im Pentagon und ein Radarexperte der Marine ein. Die örtliche Wetterstation teilte ihnen mit, in dieser Nacht gebe es eine leichte Temperaturinversion. Der Marineexperte hielt sie für viel zu schwach, um so solide Echos zu erklären. Der Verbindungsoffizier sagte später, alle im Raum hätten die Ziele für wahrscheinlich feste Metallobjekte gehalten.
Wieder verblasste alles bei Sonnenaufgang.
Der Präsident fragt nach
Das zweite Wochenende erreichte das Weiße Haus.
Nach Angaben des Leiters des UFO-Büros rief ihn der Luftwaffenadjutant von Präsident Truman an und bat um eine Erklärung. Der Präsident hörte an einem anderen Apparat mit.
Der Offizier hatte noch keinen einzigen Zeugen befragt. Er sagte, eine Temperaturinversion könne die Ursache sein.
Die Antwort des Pentagons
Am 29. Juli gab der Geheimdienstchef der Luftwaffe im Pentagon eine Pressekonferenz. Es hieß, es sei die größte der Luftwaffe seit dem Zweiten Weltkrieg gewesen.
Seine Botschaft war ruhig. Die Lichter, die Zeugen gesehen hatten, seien höchstwahrscheinlich Sterne und Meteore gewesen. Die Objekte auf dem Radar seien höchstwahrscheinlich falsche Echos durch eine Temperaturinversion gewesen: eine Schicht warmer Luft über kühler Luft. Eine solche Schicht kann Radarstrahlen zum Boden hin biegen, sodass der Schirm Autos, Gebäude oder Boote zeigt, als wären sie am Himmel.
An beiden Wochenenden habe es Inversionen gegeben, sagte er. Die Objekte seien nicht fest gewesen und keine Gefahr für das Land.
Er nannte auch Beispiele. In einer der Nächte wurde eine Bomberbesatzung immer wieder auf unbekannte Ziele gelotst und sah nichts. Am Ende stellte sich heraus, dass das Radar einen Ausflugsdampfer auf dem Fluss verfolgte. Ein Offizier in Andrews, der ein Licht beobachtet hatte, das die Farbe wechselte und absackte, kam selbst zu dem Schluss, es sei ein von der Atmosphäre verzerrter Stern gewesen.
Später untersuchte ein staatliches Luftfahrtforschungszentrum im Auftrag der Luftwaffe die Radarberichte. Es meldete, in fast jedem Fall, in dem Objekte gesehen wurden, habe eine Inversion bestanden.
Die Luftwaffe legte den Fall als erklärt ab. Die Zeitungen wandten sich anderem zu.
Hier enden die Fakten, und der Streit beginnt. Die Akten zeigen, was die Zeugen sagten und was die Luftwaffe folgerte. Sie entscheiden nicht, wer recht hatte.
Was hinter den Kulissen geschah
Intern war die Regierung besorgter, als sie zugab.
Jahre später freigegebene Dokumente zeigen, dass die Geheimdienste den Sommer 1952 untersuchten. Sie fürchteten nicht in erster Linie Besucher aus dem All. Sie fürchteten, eine Flut von UFO-Meldungen könne im Moment eines echten Angriffs die militärischen Verbindungen verstopfen oder Panik auslösen.
Im Januar 1953 prüfte eine Gruppe von Wissenschaftlern 4 Tage lang die besten Fälle. Sie fand nichts, was die nationale Sicherheit bedrohte. Sie empfahl der Luftwaffe, den UFOs ihre "Aura des Geheimnisvollen" zu nehmen, indem sie die Fälle öffentlich erkläre.
Danach hörte das UFO-Büro der Luftwaffe auf, Fälle bekannt zu machen, die es nicht lösen konnte.
Schlussfolgerungen und offene Fragen
Die belegten Fakten sind diese. An 2 Wochenenden im Juli 1952 verfolgten Lotsen auf mehreren Radargeräten Objekte über Washington. Piloten und Menschen am Boden meldeten Lichter. Düsenjäger stiegen auf und fanden wenig oder nichts. Es gab Temperaturinversionen.
Umstritten ist weiterhin, ob die Inversionen alles erklären.
Die Wettererklärung. Das ist die offizielle Antwort. Sie wurde von 2 bekannten Skeptikern gestützt, einem Astronomen aus Harvard und einem leitenden Redakteur einer führenden Luftfahrtzeitschrift. Das Radar von 1952 hatte keine Filter gegen Echos von Boden, Vögeln oder Wetter. Als Jahrzehnte später bessere Filter kamen, gingen die UFO-Sichtungen auf dem Radar stark zurück. Das Problem: Die Lotsen waren darin geschult, Wetterechos zu erkennen, und sagten, sie hätten sie ignoriert. Der Marineexperte, der in jener Nacht dabei war, hielt die Inversion für zu schwach. 1966 stellte ein Forscher einer staatlich finanzierten wissenschaftlichen UFO-Studie fest, dass die Radarzeugen die Erklärung noch immer ablehnten. Einer der Lotsen sagte 2002 einer Zeitung: "Ich habe es auf dem Schirm gesehen und aus dem Fenster."
Sterne, Meteore und Stadtlichter. Das würde die meisten Sichtungen mit bloßem Auge erklären, und mindestens ein diensthabender Offizier kam selbst zu diesem Schluss. Das Problem: Es erklärt nicht die Momente, in denen die Meldung eines Piloten und ein Radarpunkt übereinstimmten, falls diese Berichte stimmen.
Etwas Echtes und Unbekanntes. Das ist die Sicht der Zeugen, die sicher waren, dass die Ziele fest waren. Das Problem: Kein Jäger bekam etwas Festes klar zu Gesicht. Es gibt kein Foto. Selbst ein bekannter UFO-Forscher nannte den Fall später "ziemlich schwach", trotz seiner Berühmtheit.
Was die Akten nicht enthalten, ist eine einzige Messung, die die Frage entscheidet. Niemand hat die Radarschirme festgehalten. Die Gewissheit der Lotsen und die Erklärung der Luftwaffe stehen weiter nebeneinander.
Mehr als 70 Jahre später ist die Washington-UFO-Welle noch immer der berühmteste Fall von UFOs über einer Hauptstadt, und noch immer ungelöst.