Der Junge aus dem Nichts: Das ungelöste Rätsel Kaspar Hauser
Am 26. Mai 1828 taumelte ein Jugendlicher durch die Straßen von Nürnberg. Er konnte kaum gehen, sprach nur wenige auswendig gelernte Sätze und hielt zwei Briefe umklammert, die an einen örtlichen Rittmeister adressiert waren. Als man ihm Feder und Papier reichte, schrieb er einen Namen: Kaspar Hauser.
Die Briefe vertieften das Rätsel nur. Der eine, angeblich von einem anonymen Pfleger, behauptete, der Junge sei seit 1812 in dessen Obhut gewesen und habe das Haus nie verlassen dürfen. Der zweite, als Zettel seiner Mutter ausgegeben, nannte als Geburtsdatum den 30. April 1812 und erklärte, sein Vater, ein Kavallerieoffizier, sei tot. Ermittler bemerkten verdächtige Ähnlichkeiten zwischen beiden Briefen, und viele Forscher vertraten die Ansicht, sie stammten aus derselben Hand.
Hauser selbst erzählte später eine erstaunliche Geschichte: Er sei allein in einem kleinen, dunklen Verlies aufgewachsen, ernährt von Brot und Wasser, besucht nur von einem Mann, der sein Gesicht verbarg. Die Erzählung machte ihn zur europäischen Sensation — Flugschriften nannten ihn das Kind Europas —, doch Skeptiker zweifelten von Anfang an. 1829 fand man ihn mit einer Schnittwunde an der Stirn; er behauptete, ein vermummter Fremder habe ihn angegriffen. Kritiker vermuteten, er habe sich die Wunde selbst beigebracht, um das erlahmende öffentliche Interesse neu zu entfachen.
Das Ende kam in Ansbach. Am 14. Dezember 1833 erschien Hauser mit einer tiefen Brustwunde und gab an, ein Fremder habe ihn im Hofgarten niedergestochen, nachdem er ihn mit einer Geldbörse dorthin gelockt hatte. In der Börse fand die Polizei einen in Spiegelschrift verfassten Zettel. Dessen Rechtschreibfehler ähnelten Hausers eigenen, und er war so gefaltet, wie Hauser Papiere zu falten pflegte. Drei Tage später starb er. Seither streiten Historiker, ob er ermordet wurde — oder sich bei einer Inszenierung selbst tödlich verletzte.
Die berühmteste Theorie besagte, Hauser sei der Erbprinz von Baden gewesen, 1812 bei der Geburt vertauscht, um die Thronfolge zu verändern. Die Wissenschaft lieferte widersprüchliche Urteile: Eine Analyse eines blutbefleckten Kleidungsstücks von 1996 schloss die Theorie aus, während eine Untersuchung von Haarproben 2002 eine Verbindung nach Baden doch für möglich hielt. 2024 schließlich zeigten Forscher mit moderner Sequenzierung, dass die mitochondriale DNA mehrerer authentifizierter Hauser-Proben identisch war — und sich klar von der mütterlichen Linie des Hauses Baden unterschied. Die Prinzentheorie, so ihr Fazit, ist tot.
Doch das tiefere Rätsel bleibt. Hausers DNA-Typ ist allgemein westeurasisch und weist auf keine bestimmte Familie oder Region. Wer die Briefe schrieb, wer — wenn überhaupt jemand — in Ansbach das Messer führte und wer der Junge aus dem Nichts wirklich war: Zweihundert Jahre danach kann es niemand sagen.