Die Nachricht im Steinhaufen: 129 Männer, die nach Süden zogen und nie ankamen
Die letzten Europaeer, die sie sahen, waren Walfaenger. Ende Juli 1845 trafen die Besatzungen der Prince of Wales und der Enterprise in der Baffinbai auf zwei Schiffe der Royal Navy, die an einem Eisberg vertaeut lagen und darauf warteten, dass sich das Packeis oeffnete, um nach Westen vorzustossen. Offiziere ruderten zu Besuch hinueber. Man sprach ueber den Proviant fuer drei Jahre in den Laderaeumen, ueber die Maschinen unter Deck, ueber einen Kommandanten, der lange vor dem Ende der Vorraete zu Hause zu sein hoffte. Dann verschob sich das Eis, die Schiffe trennten sich, und die Expedition verschwand aus jeder schriftlichen Ueberlieferung.
HMS Erebus und HMS Terror hatten Greenhithe in Kent am 19. Mai 1845 verlassen, um die Nordwestpassage zu finden. Es waren Bombarden, schwer gebaut, um den Rueckstoss von Moersern aufzunehmen, und genau das machte sie fuer Eis geeignet. Die Admiralitaet ruestete sie fuer die Arktis um: Eisenbeschlag am Bug, Schrauben, die sich aus der Gefahrenzone heben liessen, Dampfheizung fuer die Wohnraeume, umgebaute Lokomotivmaschinen, Bibliotheken von mehr als tausend Baenden und Zehntausende Konservendosen. Sir John Franklin, neunundfuenfzig Jahre alt und auf seiner vierten Arktisreise, befehligte 134 Mann. Fuenf wurden in der Diskobucht in Groenland als dienstuntauglich entlassen und nach Hause geschickt. Es blieben 129.
Keiner von ihnen kam zurueck.
Drei Jahre lang gab es nichts, und nichts war noch kein Grund zur Sorge. Dann wurde es einer. Ab 1848 schickten die Admiralitaet, die Regierung der Vereinigten Staaten und Lady Jane Franklin Dutzende Schiffe in die Arktis. Die Suche kartierte riesige Kuestenabschnitte und fand von den Gesuchten fast nichts. Es wurde die groesste Suchaktion des neunzehnten Jahrhunderts, und jahrelang war ihr einziger Ertrag leeres Wasser.
1850 fand man das erste Winterlager auf Beechey Island: die Umrisse von Bauten, einen Haufen aus mehreren hundert Konservendosen, einen kleinen Garten aus Kieseln, angelegt von Maennern mit zu viel Zeit, und drei Graeber. Der Heizer John Torrington starb am 1. Januar 1846 mit zwanzig Jahren. John Hartnell starb drei Tage spaeter. William Braine starb am 3. April. Die Grabbretter nannten Namen und Daten. Was das Lager nicht hergab, war eine einzige Zeile darueber, wohin die Schiffe weiterfahren wollten.
Diese Zeile tauchte neun Jahre spaeter auf. Im Mai 1859 oeffnete Leutnant William Hobson, ueber Land von Francis Leopold McClintocks Schiff ausgesandt, einen Steinhaufen an der Nordwestkueste der King-William-Insel und fand darin ein gewoehnliches Formular der Admiralitaet, in sechs Sprachen gedruckt, von der Sorte, die Schiffe in Flaschen ueber Bord warfen. Es trug zwei Nachrichten, geschrieben im Abstand von elf Monaten. Die erste, vom 28. Mai 1847 und von Leutnant Graham Gore unterzeichnet, meldete die Ueberwinterung im Eis und endete mit zwei Worten: "Alles wohlauf."
Die zweite war in die Raender rings um die erste gequetscht, datiert auf den 25. April 1848 und unterzeichnet von Kapitaen Francis Crozier und Kommandant James Fitzjames. Die Schiffe steckten seit dem 12. September 1846 im Eis und waren drei Tage zuvor aufgegeben worden. Sir John Franklin war am 11. Juni 1847 gestorben. Die Toten zaehlten inzwischen neun Offiziere und fuenfzehn Mann. Die 105 Ueberlebenden waren an Land gegangen und wuerden "morgen, am 26., zum Back-Fluss aufbrechen". Es ist das einzige Dokument der Expedition, das je gefunden wurde.
Fuenf Jahre bevor dieses Blatt auftauchte, war das Wesentliche bereits einem Mann erzaehlt worden, der nicht danach suchte. Am 21. April 1854 traf der Landvermesser der Hudson's Bay Company, John Rae, in der Naehe der Pellybucht einen Inuk, der eine Gruppe von etwa vierzig weissen Maennern beschrieb, die nahe der Muendung des Back-Flusses verhungert waren. Andere Inuit bestaetigten es und ergaenzten eine Einzelheit, die Rae nicht nach Hause tragen wollte: die Letzten hatten ihre Toten gegessen. Rae kaufte silberne Loeffel und Gabeln mit den Wappen Franklins, Croziers und Fitzjames' und meldete alles der Admiralitaet. In London griff man die Quelle an. Charles Dickens widmete zwei Aufsaetze in seiner Zeitschrift dem Nachweis, dass dem Zeugnis "habgieriger und grausamer" Menschen nicht zu trauen sei. Rae erhielt die Anerkennung, die ihm zustand, nie.
Hobsons Leute fanden unterdessen an der Westkueste der Insel noch etwas: ein Schiffsboot auf einem schweren Schlitten, darin zwei Skelette. Das Boot zeigte nach Norden, zurueck zu der Stelle, an der die Schiffe verlassen worden waren. Zur Ausruestung gehoerten Stiefel, seidene Taschentuecher, parfuemierte Seife, Schwaemme, Pantoffeln, Kaemme und ein Stapel Buecher. Es gab Tee und Schokolade. Nahrung gab es fast keine.
In den achtziger Jahren exhumierte der kanadische Anthropologe Owen Beattie die drei Maenner auf Beechey Island. Der Permafrost hatte sie so vollstaendig konserviert, dass Torringtons Gesicht noch erkennbar war. Knochenproben von Besatzungsresten zeigten Blei mit 226 Teilen pro Million gegenueber 26 bis 36 bei Inuit-Skeletten derselben Region. Beattie deutete auf die Dosen, deren Naehte mit Bleilot verschlossen waren, das nach innen lief, und argumentierte, eine Bleivergiftung habe Gesundheit und Urteilskraft der Expedition zerstoert.
1992 kehrten Archaeologen zum Fundort des Bootes zurueck und gruben ihn fachgerecht aus. Sie bargen fast vierhundert Knochen und Bruchstuecke. Viele trugen feine Schnittspuren, wie sie beim Entfernen von Fleisch entstehen, und einige jenen Glanz, der auftritt, wenn Knochen im Topf ausgekocht werden, um Mark zu gewinnen. Der Inuit-Bericht, den Dickens 1854 verworfen hatte, stimmte in seinem haertesten Punkt.
Auch bei den Schiffen hatten die Inuit recht. Ihre Schilderungen eines in tiefem Wasser gesunkenen und eines auf Grund gelaufenen Schiffes kursierten anderthalb Jahrhunderte lang, gesammelt von Charles Francis Hall und Frederick Schwatka, in unserer Zeit zusammengefuegt von dem Historiker Louie Kamookak aus Gjoa Haven. Am 7. September 2014 fand ein Team von Parks Canada die Erebus in elf Metern Wassertiefe in der Wilmot-and-Crampton-Bucht. Zwei Jahre spaeter, am 12. September 2016, fand eine Mannschaft der Arctic Research Foundation die Terror nahezu unbeschaedigt in vierundzwanzig Metern Tiefe in der Terror-Bucht. Sie waren dort wegen Sammy Kogvik, eines kanadischen Rangers aus Gjoa Haven, der erwaehnte, er habe Jahre zuvor bei der Jagd einen hoelzernen Mast durch das Meereis ragen sehen. Er hatte ihn fotografiert, die Kamera verloren und es fast niemandem erzaehlt.
Die Maenner selbst werden einzeln zurueckgeholt. 2021 stimmte DNA aus Knochen und Zahn mit einem lebenden Nachfahren ueberein und benannte Warrant Officer John Gregory, den Maschinisten der Erebus, als ersten genetisch identifizierten Teilnehmer. 2024 identifizierte dasselbe Labor Kommandant James Fitzjames, der die Nachricht im Steinhaufen unterschrieben hatte, anhand eines Backenzahns von der King-William-Insel. Sein Kieferknochen traegt Schnittspuren.
Schlussfolgerungen und offene Fragen
Die zentrale Frage war nie, woran die Maenner starben. Hunger, Skorbut, Kaelte und Krankheit reichen mehr als aus. Die Frage ist, warum 105 Menschen im April zwei Kriegsschiffe verliessen, als das Eis noch fest und die Schiffe noch heil waren, und nach Sueden in ein Land marschierten, das sie nicht ernaehren konnte.
Eine alte Antwort, vertreten von Beattie und seinen Kollegen, lautet, dass sie nicht mehr klar dachten. Bleivergiftung erzeugt Muedigkeit, Schwaeche und Verwirrung, und die Nachricht selbst enthaelt einen merkwuerdigen Fehler: Fitzjames schrieb, die Schiffe haetten 1846 bis 1847 vor Beechey Island ueberwintert, obwohl die Graeber dort beweisen, dass es der Winter 1845 bis 1846 war. Die Staerke der These ist das gemessene Blei in den Knochen. Ihre Schwaeche ist, dass spaetere Arbeiten sie untergraben haben. Eine Isotopenstudie von 2013 fand keinen Unterschied zwischen Blei in altem und in neuem Knochen, was bei einer ploetzlichen Belastung an Bord nicht zu erwarten waere, und eine Analyse von 2016 verwies stattdessen auf schweren Zinkmangel bei einer Ernaehrung ohne frisches Fleisch. Blei steckte in allem, was ein viktorianischer Seemann anfasste, von Wasserleitungen bis zur Farbe, und ein hoher Wert sagt vielleicht mehr ueber das Jahrhundert als ueber die Reise.
Die zweite Frage ist, wie die Schiffe dorthin gelangten, wo sie heute liegen. Die Nachricht besagt, sie seien weit noerdlich der King-William-Insel aufgegeben worden. Die Terror wurde in der Terror-Bucht gefunden, die Erebus noch weiter suedlich, in flachem Wasser, wo Inuit seit jeher ein gestrandetes Schiff verorteten. Eine Theorie besagt, ein Teil der Besatzung sei umgekehrt, habe mindestens ein Schiff wieder bemannt und nach Sueden gebracht, was zu Inuit-Berichten ueber ein Schiff mit Menschen an Bord und ueber eine darin gefundene Leiche passen wuerde. Die konkurrierende Erklaerung ist einfacher: Treibeis kann einen verlassenen Rumpf in zwei Sommern weit verschleppen. Die Taucher von Parks Canada haben die Frage nicht entschieden, und das Innere beider Wracks ist erst teilweise untersucht.
Was fehlt, sind die Papiere. Zwei Schiffe fuehrten Logbuecher und Journale, und keines davon wurde geborgen. Charles Francis Hall berichtete ein Inuk namens Su-pung-er von einer steinernen Kammer auf der King-William-Insel mit Dokumenten und moeglicherweise einem Grab; sie wurde nie gefunden, und Franklins Grab ist bis heute unbekannt. David Woodman hat aus Inuit-Berichten vom Baker Lake abgeleitet, dass einige Maenner, vielleicht auch Crozier, noch Jahre nach 1848 lebten. Die Berichte existieren. Sie lassen sich keinem namentlichen Zeugen zuordnen, und genau diesen Massstab weigerte sich das neunzehnte Jahrhundert auf Inuit-Zeugnisse anzuwenden, waehrend das einundzwanzigste ihn auf alles anwendet.
Der Rest steht fest. Einhundertneunundzwanzig Maenner fuhren aus, keiner kehrte zurueck, und die beiden besten Quellen ueber ihr Schicksal waren am Ende ein einzelnes Blatt Admiralitaetspapier und das Gedaechtnis der Menschen, die dort lebten, wo jene starben.