Richter Crater: Er verließ ein Restaurant in New York und wurde nie wieder gesehen
Ein heißer Abend in New York. Der 6. August 1930, kurz nach 9 Uhr.
In einem Steakhaus in der 45. Straße, ein paar Minuten zu Fuß vom Times Square entfernt, beenden 3 Menschen ihr Abendessen. Einer von ihnen ist ein Mann von 41 Jahren in einem braunen Anzug mit feinen Streifen.
Er heißt Joseph Force Crater. Vor 4 Monaten ist er Richter geworden.
Mit ihm am Tisch sitzen ein Anwalt, den er gut kennt, und eine junge Revuetänzerin, eine Freundin der beiden.
Gegen halb 10 gehen sie hinaus auf den Gehweg und verabschieden sich.
Es ist das letzte Mal, dass ihn jemand sieht, der ihn kannte.
Das ist der Fall von Richter Crater. Amerikanische Zeitungen nannten ihn "den vermisstesten Mann von New York". Ein hoher Richter verließ mitten in einer belebten Stadt ein Restaurant und verschwand. Eine Leiche wurde nie gefunden. Eine klare Spur auch nicht. Eine Grand Jury, 16.000 Hinweise und fast 100 Jahre voller Theorien haben eine einfache Frage nicht beantwortet: Ist er geflohen, hat er sich das Leben genommen, oder wurde er getötet?
Ein neuer Richter und ein nervöser Sommer
Crater war ein Anwalt, der mit Hilfe der politischen Maschine der Stadt aufgestiegen war. Die Parteiorganisation, die New York damals beherrschte, war für ihre Korruption berüchtigt. Wer einen guten Posten bekam, schuldete oft jemandem einen Gefallen.
Im April 1930 ernannte ihn der Gouverneur des Bundesstaates New York auf einen freien Sitz am Obersten Gericht des Staates. Trotz des Namens ist es nicht das höchste Gericht. Es ist das wichtigste Gericht erster Instanz im Staat. Aber es war ein bedeutender und gut bezahlter Posten.
Im selben Frühjahr tat er etwas, das später viel Aufmerksamkeit erregen sollte. Er verkaufte Wertpapiere für etwa 16.000 Dollar und hob weitere 7.000 Dollar von seinem Bankkonto ab.
Damals ging in New York ein Gerücht um: Einen Richterposten könne man kaufen, für ungefähr ein Jahresgehalt. In seinem Fall wurde das Gerücht nie bewiesen. Aber eine so große Summe, abgehoben kurz vor der Ernennung, gab zu denken.
In diesem Sommer begann außerdem eine große Untersuchung der Korruption an den Gerichten der Stadt. Geleitet wurde sie von einem angesehenen früheren Richter. 2 Jahre später sollte sie den Bürgermeister von New York zu Fall bringen.
Im Juli 1930 machten Crater und seine Frau Urlaub in ihrem Sommerhaus an einem See, mehr als 400 km nördlich von New York. Ende des Monats bekam er einen Anruf. Seiner Frau sagte er nur, er müsse zurück in die Stadt, "um diesen Kerlen Bescheid zu sagen". Wer sie waren, sagte er nicht.
Er fuhr nach New York, kam zurück an den See und fuhr wieder weg. Am 3. August kehrte er in die Stadt zurück. Seine Frau sah ihn nie wieder.
Der letzte Tag
Nun der Tag seines Verschwindens, der 6. August 1930, der Reihe nach.
Am Morgen ging er in sein Büro im Gericht. Nach Aussage seines Assistenten verbrachte er etwa 2 Stunden damit, seine Akten durchzusehen. Einige Papiere, so der Assistent, habe er vernichtet.
Dann schickte er den Assistenten mit 2 Schecks zur Bank. Der Assistent kam mit 5.150 Dollar in bar zurück. Nach heutigem Geld sind das rund 75.000 Dollar.
Mittags trugen die beiden 2 verschlossene Aktentaschen voller Unterlagen in die Wohnung des Richters. Danach schickte der Richter den Assistenten nach Hause.
Später an diesem Tag bestellte der Richter bei einer Vorverkaufsstelle einen einzelnen Platz für die Abendvorstellung in einem Theater am Broadway. Es war eine Komödie. Die Karte sollte an der Kasse abgeholt werden.
Am Abend ging er in das Restaurant in der 45. Straße. Der Anwalt und die Tänzerin waren dort, und die 3 aßen zusammen.
Gegen 21:30 Uhr traten sie hinaus.
2 Versionen der letzten Minute
Hier teilt sich die Geschichte in 2, und niemand hat sie je wieder zusammengefügt.
Zuerst sagte der Anwalt den Ermittlern, der Richter sei vor dem Restaurant in ein Taxi gestiegen und nach Westen die 45. Straße entlanggefahren.
Später erzählten der Anwalt und die Tänzerin es anders. Jetzt waren sie es, die ins Taxi stiegen. Der Richter, sagten sie, sei auf dem Gehweg geblieben und zu Fuß die Straße hinuntergegangen, in Richtung Theater.
Das Theater lag ein paar Gehminuten entfernt. An diesem Abend holte jemand die einzelne Karte an der Kasse ab. Ob es der Richter war und ob jemand auf diesem Platz saß, wurde nie geklärt.
**Von diesem Moment an gibt es keine einzige bestätigte Sichtung von Richter Crater. Keine. Alles, was folgt, sind Ermittlungen, Gerüchte und Theorien.**
Niemand schlug Alarm
Was danach geschah, ist fast so seltsam wie das Verschwinden selbst.
Er kam nicht zu seiner Frau an den See zurück. Sie wartete. Nach etwa 10 Tagen begann sie, Freunde in der Stadt anzurufen. Die Polizei rief sie nicht an.
Das Gericht war in der Sommerpause. Am 25. August ging die Arbeit wieder los, und der Richter erschien nicht. Seine Kollegen machten sich Sorgen. Auch sie gingen nicht zur Polizei. Sie beauftragten Privatdetektive und versuchten, ihn in aller Stille zu finden.
Die Polizei wurde offiziell erst am 3. September 1930 informiert. Fast 4 Wochen nach dem Abendessen.
Da war die Spur längst kalt. In einer großen Stadt sind 4 Wochen eine sehr lange Zeit. Falls es ein Taxi gegeben hatte, war es nicht mehr zu finden.
Als die Ermittler endlich seine Wohnung betraten, beunruhigte sie, was sie sahen. Seine Koffer waren da. Seine Kleidung war da, alle Anzüge außer dem, den er getragen hatte. Seine Taschenuhr und sein Füller waren da.
Die 2 Aktentaschen, die ihm der Assistent in die Wohnung getragen hatte, wurden nicht gefunden.
Die größte Suche, die die Stadt je erlebt hatte
Sobald die Geschichte in den Zeitungen stand, sprach ganz Amerika davon.
Sein Foto wurde im ganzen Land gedruckt. Menschen meldeten, sie hätten ihn in anderen Städten und in anderen Ländern gesehen. Im Lauf der Jahre gingen bei der Polizei etwa 16.000 Hinweise ein. Keiner führte zu ihm.
Im Oktober 1930 trat eine Grand Jury zusammen. Das ist ein Gremium gewöhnlicher Bürger, das Beweise anhört und entscheidet, ob jemand angeklagt wird. Sie befragte 95 Zeugen und füllte 975 Seiten mit Aussagen. Die Frau des Richters weigerte sich, auszusagen.
Im Januar 1931 gab die Grand Jury ihre Antwort. Einfach gesagt lautete sie: Wir wissen es nicht. Die Beweise reichten nicht aus, schrieb sie, um zu sagen, ob Crater lebt oder tot ist, ob er freiwillig gegangen ist, ob er an Gedächtnisverlust leidet oder ob er Opfer eines Verbrechens wurde.
Die Schublade, die leer gewesen war
Im selben Monat, im Januar 1931, kam seine Frau zurück in die Wohnung in New York.
Sie öffnete eine Schublade in einer Kommode und fand darin Umschläge. Die Polizei hatte die Wohnung durchsucht, auch diese Schublade, und sie leer vorgefunden.
In den Umschlägen lagen Schecks, etwa 6.600 Dollar in bar, Aktien und Anleihen und Lebensversicherungen auf den Richter über 30.000 Dollar. Dazu sein Testament. Und eine Liste in seiner Handschrift mit Leuten, die ihm Geld schuldeten.
Außerdem lag dort eine Notiz an seine Frau. Eine sachliche Notiz über Geld und Dinge, um die sie sich kümmern müsse. Sie endete mit den Worten: "Bin sehr müde. In Liebe, Joe."
Niemand hat je geklärt, wer die Umschläge in die Schublade legte, und wann. Die Quellen sind sich nicht einmal bei Kleinigkeiten einig, etwa beim genauen Bargeldbetrag oder ob es der 20. oder der 21. des Monats war. Fest steht: Die Schublade wurde durchsucht und war leer, und später war sie voll.
Daneben ein weiteres Rätsel
Im Februar 1931 wurde in New York eine Frau ermordet aufgefunden. Sie hatte in der Welt der teuren Callgirls der Stadt gearbeitet. 5 Tage vor ihrem Tod hatte sie einen Anwalt der Korruptionsuntersuchung getroffen, um über Bestechung bei der Polizei zu sprechen.
Zeitungen berichteten, in ihrer Wohnung sei ein Jackett von Crater gefunden worden. Bestätigt wurde das nie. Ihr Mord wurde zu einem eigenen Skandal und gab der Korruptionsuntersuchung neuen Schwung. 1932 trat der Bürgermeister von New York zurück.
Der Fall des Richters blieb, wo er war.
Geschlossen, aber nie gelöst
1933 brachte ein Hollywood-Studio einen Film mit dem Titel "Bureau of Missing Persons" (Büro für vermisste Personen) heraus. Als Werbegag bot es dem Richter 10.000 Dollar an, wenn er an die Kinokasse käme und das Geld persönlich abholte. Er kam nicht.
Am 6. Juni 1939 erklärte ihn ein Gericht für tot. Seine Frau erhielt rund 20.000 Dollar aus seiner Lebensversicherung.
1979 schloss die New Yorker Polizei die Vermisstenakte offiziell. Sie war 49 Jahre lang offen gewesen.
Dann, im Jahr 2005, tauchte etwas Neues auf.
In New York starb eine Frau im Alter von 91 Jahren. Unter ihren Papieren fand sich ein Umschlag, der erst nach ihrem Tod geöffnet werden sollte. Darin schrieb sie, ihr verstorbener Mann habe ihr einmal ein Geheimnis erzählt. Demnach hätten ein Polizist und sein Bruder, ein Taxifahrer, zusammen mit anderen den Richter in der Nacht seines Verschwindens getötet. Sie hätten ihn unter der hölzernen Strandpromenade von Coney Island begraben, dem Strand- und Vergnügungsviertel im Süden der Stadt.
Beide Brüder waren lange zuvor gestorben. Keiner von ihnen wurde je wegen irgendetwas angeklagt. Ihre Geschichte war aus zweiter Hand, rund 75 Jahre nach den Ereignissen aufgeschrieben, über Menschen, die sich nicht mehr äußern konnten. Für beide gilt uneingeschränkt die Unschuldsvermutung.
Die Polizei prüfte die Angaben. Die Stelle, die sie beschrieb, ist heute der Standort des New Yorker Aquariums. Als dort in den 1950er Jahren für den Bau gegraben wurde, wurden keine menschlichen Überreste verzeichnet.
Das ist also bekannt. Crater aß in der 45. Straße zu Abend, trat hinaus auf den Gehweg und hatte viel Bargeld bei sich. Seine Kleidung und seine Koffer ließ er zu Hause. Nicht bekannt ist, wohin er danach ging, ob er am nächsten Morgen noch lebte und wer die Schublade füllte.
Schlussfolgerungen und offene Fragen
Es gibt 4 Haupterklärungen. Keine passt zu allen Fakten.
**Er ist geflohen und hat ein neues Leben begonnen.** Dafür spricht: Er nahm viel Bargeld mit, vernichtete Papiere, und eine Korruptionsuntersuchung begann gerade. Der damalige Polizeichef der Stadt hielt das Verschwinden für geplant. Das Problem: Er ließ seine ganze Kleidung und seine Koffer zurück. Wer ein neues Leben plant, nimmt normalerweise etwas mit. Und von 16.000 Hinweisen führte kein einziger zu ihm.
**Er hat sich das Leben genommen und es so verborgen, dass es wie ein Verschwinden aussah.** Ein amerikanischer Forscher einer Zeitschrift, die unerklärliche Behauptungen prüft, hat diese Theorie 2023 dargelegt. Er verweist auf die Notiz "Bin sehr müde", auf das Geld, das geordnet für die Frau hinterlassen wurde, und auf Berichte, der Richter habe in jenem Sommer niedergeschlagen gewirkt. Ein Verschwinden hätte der Familie, anders als ein Suizid, die Schande erspart. Das Problem: Das erklärt seine Stimmung, aber nicht die Leiche. Den eigenen Körper mitten in einer Stadt zu verstecken, ist sehr schwer, und es wurde nie etwas gefunden.
**Er wurde ermordet.** Dafür spricht: Er trug Bargeld bei sich, kannte vielleicht Geheimnisse über die Korruption und bewegte sich in einer Welt, in der Menschen, die zu viel wussten, manchmal starben. Der Brief von 2005 weist in dieselbe Richtung. Das Problem: Es gab nie eine Leiche, keine Waffe und kein bewiesenes Motiv. Die Geschichte von 2005 ist aus zweiter Hand und kam Jahrzehnte zu spät, und der Boden, in dem er liegen soll, wurde schon in den 1950er Jahren ausgehoben, ohne dass etwas verzeichnet wurde.
**Er hat sein Gedächtnis verloren und ist ziellos fortgegangen.** Die Grand Jury selbst nannte diese Möglichkeit. Das Problem: Sein Gesicht war in jeder Zeitung des Landes. Ein verirrter Mensch ohne Gedächtnis wird meist gefunden und erkannt. Er wurde es nie.
Und die Fragen, die offen bleiben:
Ist er ins Taxi gestiegen oder zu Fuß weggegangen?
Wer hat die Theaterkarte abgeholt?
Wo sind die 2 verschlossenen Aktentaschen geblieben?
Und wer hat die Schublade, die die Polizei leer vorgefunden hatte, geöffnet und gefüllt?
Fast 100 Jahre später haben diese 4 Fragen genau dieselbe Antwort wie 1931. Niemand weiß es.