EIN REALER FALL
Umstritten

Der verrückte Trapper: der Mann, den niemand fassen konnte und den niemand benennen kann

2026-10-15 · · Menschen ohne Namen · 7 Min. Lesezeit

Am 9. Juli 1931 kam ein Fremder den Fluss hinunter zu einem kleinen Handelsposten im hohen Norden Kanadas.

Er war allein. Er war Mitte dreißig, kräftig und gepflegt, und sprach sehr wenig. Wenn er sprach, meinten die Leute am Posten, einen skandinavischen Akzent zu hören.

Er kaufte Vorräte und zahlte bar. Er hatte viel Bargeld.

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Ein Polizist aus der Gegend hielt ihn an und fragte, wer er sei. Der Fremde sagte, er heiße Albert Johnson. Er sagte, er komme aus der Prärie. Das war fast alles, was er sagte.

Dann zog er einen kleinen Fluss hinauf, in eine Gegend, in der kaum jemand lebte, und baute sich eine Hütte.

Wenige Monate später hatte er sich 48 Tage lang mitten im arktischen Winter gegen die Polizei gewehrt, einen Polizisten getötet und war erschossen worden. Die Zeitungen nannten ihn den verrückten Trapper. Das Rätsel ist einfach: Niemand hat je herausgefunden, wer er wirklich war.

Eine Hütte am Fluss

Er wählte das Ufer des Rat River, im äußersten Nordwesten Kanadas, nördlich des Polarkreises. Die nächste richtige Siedlung war Aklavik, ein Polizeiposten und Handelsort etwa 100 km entfernt.

Seine Hütte war winzig, etwa 2,5 mal 3 Meter. Eine Lizenz zum Fallenstellen, die jeder Jäger in der Gegend brauchte, hatte er nicht gekauft.

Einige Monate lang störte ihn niemand.

Im Dezember kamen indigene Fallensteller aus der Gegend mit einer Beschwerde zur Polizei in Aklavik. Sie sagten, der Fremde mache sich an ihren Fallen zu schaffen: Er löse sie aus und hänge sie in die Bäume.

Die Tür, die sich nicht öffnete

Am 26. Dezember 1931 fuhren ein Polizist und ein Hilfspolizist mit dem Hundeschlitten zur Hütte. Der Weg war etwa 100 km durch Schnee.

Aus dem Schornstein stieg Rauch. Der Polizist klopfte und rief. Keine Antwort. Als er durch das kleine Fenster schauen wollte, hängte jemand von innen einen Sack davor.

Einen Durchsuchungsbefehl hatten die beiden nicht. Sie fuhren den ganzen Weg zurück nach Aklavik, um einen zu holen.

Am 31. Dezember kamen sie wieder, diesmal mit 2 weiteren Männern. Der Polizist klopfte erneut und sagte, er habe einen Befehl.

Die Antwort war ein Schuss durch die Holztür. Der Polizist wurde in die Brust getroffen.

Seine Begleiter legten ihn auf den Schlitten und trieben die Hunde die ganze Nacht zurück nach Aklavik, bei extremer Kälte. Er überlebte.

15 Stunden bei minus 40

Am 9. Januar 1932 kehrte eine viel größere Gruppe zur Hütte zurück: Polizisten, Hilfspolizisten und Freiwillige aus der Gegend, mit Hundegespannen. Es hatte etwa 40 Grad unter null.

Sie umstellten die Hütte und forderten ihn auf herauszukommen. Er schoss zurück.

Die Belagerung dauerte 15 Stunden. Hunderte Schüsse wurden in die Hütte gefeuert. Spät in der Nacht warfen sie Dynamit und sprengten einen Teil des Daches weg.

Es half nichts. Er hatte unter dem Boden eine etwa anderthalb Meter tiefe Grube gegraben und schoss weiter aus ihr heraus. Gegen 4 Uhr morgens gab die Gruppe auf und kehrte nach Aklavik zurück, um mehr Männer und mehr Sprengstoff zu holen.

Als sie am 14. Januar wiederkamen, war die Hütte leer. Er war fort.

Ein Mann, der kaum Spuren hinterließ

Im Schnee hinterlässt ein Mensch Spuren. Dieser Mann schien zu wissen, wie man es nicht tut. Er ging über harte, vom Wind verdichtete Grate, auf denen seine Füße kaum Abdrücke machten. Er ging rückwärts in seinen eigenen Fußstapfen. Er ging auf den Pfaden von Karibuherden, sodass sich seine Schritte zwischen Tausenden Hufabdrücken verloren. Er machte Feuer mit trockenem Holz, das fast keinen Rauch gab.

Am 30. Januar fanden die Verfolger sein Lager in einem Dickicht. Es kam zum Schusswechsel. Ein Polizist wurde ins Herz getroffen und starb.

Der Mann verschwand erneut.

Über die Berge

Im Westen lag eine Bergkette, und dahinter das Yukon-Territorium, ein anderes nördliches Territorium Kanadas. Die Polizei bewachte die 2 bekannten Pässe. Man war überzeugt, dass bei diesem Wetter niemand die Berge an einer anderen Stelle überqueren könne.

Anfang Februar, in einem Schneesturm, überquerte er sie trotzdem, über den offenen Hang.

Die Polizei hätte es tagelang nicht erfahren, wäre da nicht etwas Neues gewesen.

Das Auge am Himmel

Am 5. Februar landete ein Buschpilot mit einem kleinen Flugzeug auf Kufen in Aklavik. Es war eines der ersten Male in Kanada, dass ein Flugzeug zur Jagd auf einen Flüchtigen eingesetzt wurde.

Beim Überfliegen des Geländes fand er Spuren auf der anderen Seite der Berge. Der Mann hatte sie überquert.

Am 14. Februar entdeckte der Pilot Spuren entlang eines Flusses auf der Yukon-Seite. Der Mann ging mitten auf dem zugefrorenen Fluss, in einem Karibupfad, wo der Schnee fest war und er keine Schneeschuhe brauchte. Nur nachts verließ er den Pfad, um am Ufer zu lagern. Aus der Luft verrieten ihn diese kurzen Reihen von Fußspuren zum Ufer.

Der letzte Tag

Am 17. Februar 1932 kam eine Gruppe von etwa einem Dutzend Männern um eine Biegung dieses Flusses.

Da war er, einige hundert Meter vor ihnen, auf dem Eis.

Er versuchte, zum Ufer zu rennen. Aber er trug keine Schneeschuhe, und der Schnee war zu tief. Er warf sich in den Schnee und begann zu schießen.

Einer der Verfolger, ein Fernmeldesergeant der Armee, wurde schwer verwundet. Die anderen schossen zurück.

Eine Kugel traf den Flüchtigen seitlich am Becken. Er starb auf dem Eis.

Der Pilot landete auf dem Fluss, lud den verwundeten Sergeant ein und flog ihn ins Krankenhaus. Der Sergeant überlebte.

Die Jagd hatte 48 Tage gedauert, fast immer bei Temperaturen weit unter null.

Was er in den Taschen hatte

Er trug 2.410 kanadische und 10 amerikanische Dollar in bar bei sich, eine riesige Summe für einen Fallensteller im Jahr 1932. Er hatte 5 kleine Perlen und etwas Gold, darunter Stücke von goldenem Zahnersatz. Er hatte einen Kompass, ein Rasiermesser, ein Messer, Angelhaken sowie ein totes Eichhörnchen und einen toten Vogel als Nahrung.

Keine Papiere, keine Briefe, keine Fotos. Nichts, auf dem ein Name stand.

Die Zahnarbeit in seinem Mund war für die damalige Zeit von sehr hoher Qualität. Das deutete auf einen Mann hin, der irgendwann Geld gehabt und in der Nähe eines guten Zahnarztes gelebt hatte.

Während der ganzen Jagd hatte keiner der Verfolger ihn ein Wort sagen hören.

Er wurde in Aklavik begraben, unter dem Namen, den er angegeben hatte, Albert Johnson. Selbst die Polizei hielt den Namen wahrscheinlich für falsch.

**Ab hier erzählen die Dokumente nur noch, was er tat. Wer er war, hat niemand je dokumentiert.**

Auf der Suche nach einem Namen

Ein Forscher glaubte, er sei ein Einzelgänger, der weiter westlich in Kanada unter anderem Namen gelebt und dieselben Waffen getragen habe. Niemand konnte beweisen, dass es derselbe Mann war.

Ein Buch von 1989 behauptete, er sei ein in Norwegen geborener Krimineller, der in amerikanischen Gefängnissen gesessen habe. Zahnbefunde und später ein DNA-Test mit einem Verwandten schlossen das aus.

Eine Familie an der Ostküste Kanadas glaubte, er sei ein Verwandter, der während der Weltwirtschaftskrise von zu Hause fortgegangen war. Auch das wurde nicht bestätigt.

Im August 2007 öffnete ein Dokumentarfilmteam zusammen mit Forensikern und mit Genehmigung sein Grab.

Die Wissenschaftler fanden einen Mann von etwa 35 Jahren. Seine Wirbelsäule war verkrümmt, was ihm chronische Rückenschmerzen bereitet haben dürfte. Die Chemie seiner Knochen deutete darauf hin, dass er entweder in Skandinavien oder im Mittleren Westen der USA aufgewachsen war, wo viele skandinavische Einwanderer lebten.

Danach wurde er erneut beigesetzt, diesmal mit vollen religiösen Riten durch einen örtlichen Priester und indigene Älteste.

2021 gab ein amerikanisches Genlabor, das an unidentifizierten Toten arbeitet, das jüngste Ergebnis bekannt. Seine DNA wies eindeutig nach Schweden. Seine genetischen Treffer führten zu einem Ehepaar, das Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts lebte, und zu einer kleinen Gruppe von Dörfern im Süden Schwedens.

Mehr als 20 Familien wurden verglichen. Keine erwies sich als seine. Das Labor hat Menschen mit Wurzeln in diesem Teil Schwedens gebeten, sich zu melden.

Wir wissen also ungefähr, woher seine Familie stammte, wie alt er war und wie er starb. Seinen Namen kennen wir nicht.

Schlussfolgerungen und offene Fragen

Es wurden mehrere Erklärungen angeboten, wer er war und warum er kämpfte.

**Er war ein Verbrecher auf der Flucht vor etwas anderem.** Die Belege: die große Summe Geld, der falsche Name, die Verweigerung jedes Kontakts mit der Polizei vom ersten Tag an und seine Bereitschaft zu schießen, statt eine einfache Frage zu Fallen zu beantworten. Das Problem: Kein Verbrechen wurde je irgendwo mit ihm in Verbindung gebracht. Alle namentlich genannten Verdächtigen sind ausgeschlossen.

**Er war ein Mann, der nur in Ruhe gelassen werden wollte, und geriet in Panik.** Die Belege: Er ging allein an einen der leersten Orte des Kontinents und verlangte von niemandem etwas. Das Problem: Er schoss durch eine geschlossene Tür auf einen Mann, der nur geklopft hatte, und tötete später einen Polizisten. Das geht weit über den Wunsch nach Ruhe hinaus.

**Die Beschwerde über die Fallen wurde nie bewiesen.** Die Belege: Niemand zeigte, dass er die Fallen tatsächlich angerührt hatte, und spätere Berichte sind uneins, wer wen bedroht hat. Das Problem: Auch eine falsche Beschwerde erklärt die Schüsse nicht, die folgten.

Unerklärt bleibt fast alles über den Mann selbst. Wo er vor Juli 1931 war. Woher das Geld kam. Warum er Perlen und Gold bei sich trug. Und vor allem, warum ein Mann, der offensichtlich einmal unter Menschen gelebt und einen guten Zahnarzt bezahlt hatte, lieber auf einem gefrorenen Fluss starb, als seinen Namen zu sagen.

Die DNA hat die Suche auf wenige Dörfer eingeengt. Vielleicht macht eines Tages ein Verwandter einen Test, und der verrückte Trapper vom Rat River bekommt endlich einen Namen.

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