Das Meer, das leuchtet: Auf der Jagd nach den Milchmeeren, die die Wissenschaft nur einmal beruhrt hat
In der Nacht des 25. Januar 1995 dampfte der britische Frachter SS Lima durch das Arabische Meer, etwa 150 Seemeilen ostlich der somalischen Kuste, als der Ozean zu leuchten begann. Er funkelte nicht so, wie das Kielwasser eines Schiffes in einer dunklen Nacht funkelt, jenes vertraute Flimmern aufgewuhlten Planktons, das gegen den Rumpf bricht. Dies war etwas anderes, und jeder Seemann, der es sah, wusste sogleich, dass es etwas anderes war. Ein blasses, stetiges, weissliches Licht breitete sich in alle Richtungen bis zum Horizont aus, gleichmassig und eben, sodass das Schiff nicht auf Wasser zu fahren schien, sondern uber ein Feld frischen Schnees oder durch eine Bank niedriger Wolken, die von unten sanft erleuchtet war. Das Leuchten hielt mehr als sechs Stunden an. Die Mannschaft trug es sorgfaltig ein, bestimmte ihre Position und beschrieb spater ein Meer, das unter einem ansonsten pechschwarzen Himmel in einem sanften milchigen Schein erglanzte. Sie waren in eines der seltensten und am wenigsten verstandenen Schauspiele des Ozeans hineingefahren, in ein Milchmeer.
Seeleute berichten seit sehr langer Zeit von diesen leuchtenden Gewassern, mindestens seit den 1600er Jahren, in Hunderten von Berichten, verstreut in Schiffslogbuchern und uber etwa achtzig Jahre in den Seiten einer Zeitschrift namens The Marine Observer. Das Phanomen erreichte sogar die Literatur: Jules Verne liess die Nautilus durch ein leuchtendes "Milchmeer" gleiten in Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, gestutzt auf die wahren Erzahlungen der Seefahrer. Jahrhundertelang wurden diese Berichte als Kuriositaten behandelt, als Seemannsgarn, als die Art Sache, die im Hafen eine hochgezogene Augenbraue einbrachte. Das Leuchten war gewaltig, oft so beschrieben, dass es sich weiter erstreckte, als das Auge folgen konnte, und, entscheidend, es war ruhig. Gewohnliche marine Biolumineszenz blitzt nur auf, wenn man sie stort, ein Funke, geschlagen von einer vorbeiziehenden Welle oder einem Ruder. Ein Milchmeer blitzt nicht. Es brennt einfach, still und ununterbrochen, mitunter Nacht fur Nacht.
Registrieren Sie sich und erhalten Sie den ersten Monat völlig gratis — unbegrenzter Zugang zum gesamten Archiv, werbefrei für Abonnenten. Jederzeit kündbar.
Abonnieren — erster Monat gratis