Rongorongo: Die Schrift, die mit ihren Lesern starb
Als sich 1864 europäische Missionare auf Rapa Nui — der Osterinsel — niederließen, fiel einem von ihnen etwas Außergewöhnliches auf. In Hütte um Hütte bewahrten die Insulaner flache Holztafeln auf, bedeckt mit Reihen winziger, sorgfältig geschnitzter Zeichen: Vogelmenschen, Fische, Pflanzen, seltsame geometrische Figuren. Eugène Eyraud, ein französischer Laienbruder, berichtete, solche Tafeln fänden sich in fast jedem Haus. Wenige Jahre später waren beinahe alle verschwunden.
Der Zeitpunkt hätte grausamer kaum sein können. 1862 und 1863 verschleppten peruanische Sklavenjäger rund 1.500 Insulaner — darunter Häuptlinge, Priester und einen Großteil der gelehrten Elite. Pocken und andere Seuchen kehrten mit den wenigen Überlebenden zurück, die Bevölkerung brach zusammen. Als Bischof Tepano Jaussen von Tahiti 1868 begann, die Tafeln zu sammeln, waren die Menschen, die sie wirklich lesen konnten, tot — und die verbliebenen Insulaner behandelten die Schrift als heilig, aber stumm.
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