306 Mann, kein Notruf: Das Verschwinden der USS Cyclops
Am 4. März 1918 lief der Kohlentransporter USS Cyclops aus Bridgetown auf Barbados mit Kurs Baltimore aus — mit 306 Mann an Bord und rund 10.800 Tonnen Manganerz in den Laderäumen. Mit 542 Fuß Länge war sie eines der größten Schiffe der US Navy, gebaut, um die Flotte mit Kohle zu versorgen. Irgendwo zwischen der Karibik und der Chesapeake Bay hörte sie schlicht auf zu existieren. Ein Notruf wurde nie empfangen. Bestätigte Wrackteile wurden bis heute nicht gefunden.
Die Reise stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Cyclops hatte Rio de Janeiro Mitte Februar mit dem schweren Erz verlassen, das für die Munitionsproduktion im Krieg dringend gebraucht wurde. Der Stopp auf Barbados war außerplanmäßig: Das Schiff lag auffällig tief im Wasser — ein Hinweis auf mögliche Überladung — und eine der Maschinen war beschädigt. Ihr Kapitän, George W. Worley, ein in Deutschland geborener Offizier mit dem Ruf eines exzentrischen und harten Vorgesetzten, setzte die Fahrt nach Norden dennoch fort.
Als das Schiff am 13. März nicht wie geplant eintraf, startete die Navy eine großangelegte Suche entlang der Route. Gefunden wurde nichts: kein Rettungsboot, keine Planke, kein Ölfilm. Am 1. Juni 1918 erklärte der stellvertretende Marineminister Franklin D. Roosevelt die Cyclops offiziell mit der gesamten Besatzung für verloren. Es ist bis heute der größte Verlust an Menschenleben in einem einzelnen Ereignis der US-Navy-Geschichte, der nicht unmittelbar durch Kampfhandlungen verursacht wurde.
Weil Amerika im Krieg stand, fiel der Verdacht zunächst auf Deutschland. Gerüchte rankten sich um Worleys deutsche Herkunft und um einen Passagier, den deutschstämmigen US-Konsul Alfred Gottschalk. Manche behaupteten, das Schiff sei gekapert oder torpediert worden. Doch die nach dem Krieg ausgewerteten deutschen Unterlagen zeigten kein U-Boot und keinen Hilfskreuzer in dem Seegebiet, und Berlin bestritt jede Beteiligung.
Die nüchterneren Theorien sind technischer Natur. Manganerz ist weitaus dichter als die Kohle, für die die Cyclops konstruiert war; falsch gestaut, konnte es den Rumpf überlasten oder in schwerer See gefährlich verrutschen. Forscher vermuten seit Langem, dass das überladene Schiff so plötzlich auseinanderbrach oder kenterte — womöglich in einem vor den Kaps von Virginia gemeldeten Sturm —, dass niemand mehr Zeit für ein Funksignal hatte. Die Historiker der Navy selbst halten einen Untergang in unerwartet schwerem Wetter für wahrscheinlich, räumen aber ein, dass die Ursache tatsächlich unbekannt ist.
Ein düsteres Nachspiel vertiefte das Rätsel. 1941 verschwanden zwei ihrer Schwesterschiffe, die USS Proteus und die USS Nereus, im Abstand weniger Monate auf nahezu identischen Routen von der Karibik nach Nordamerika — beide mit schweren Erzladungen. Auch von ihnen fehlte jede Spur. Dieses Muster deutet auf eine fatale strukturelle Schwäche der Baureihe hin, bewiesen wurde sie jedoch nie.
Mehr als ein Jahrhundert später sind die entscheidenden Fragen weiter offen. Wo liegt der Rumpf der Cyclops? Sank sie binnen Minuten, oder brachte etwas anderes 306 Männer zum Schweigen, ohne dass auch nur ein Funkspruch abgesetzt wurde? Bis das Wrack gefunden ist, behält das tödlichste Rätsel der Navy sein Geheimnis.